RWTH Aachen

Hinter den Kulissen der Ingenieurschmiede

Die RWTH Aachen gilt als die Talentschmiede für Ingenieure und Elektrotechniker. Wie die Universität es schafft, dass die Unternehmen zu den Studenten kommen und nicht andersherum.

Das Hauptgebäude der RWTH Aachen (links) wurde 1870 eröffnet. Das sogenannte "Super C" (rechts) beheimatet seit 2008 unter anderem das "Career Center".

Quelle: WirtschaftsWoche

Marco Stieneker zeigt auf eine grüne Plane mitten in der großen Halle. „Dort liegt ein Geheimprojekt“, sagt er. Der Ingenieur erzählt von Windradturbinen-Tests und von Gleichstromnetzen. „Personen, die Ahnung von Elektrotechnik haben, können wir hier total beeindrucken“, fügt er hinzu und grinst. Was sich unter der Plane in der 1000 Quadratmeter großen Versuchshalle befindet, verrät er nicht. Was er verrät ist, dass der Versuchsaufbau einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung von Gleichspannungsnetzen in Offshore-Windparks liefern wird.

Stieneker ist Ingenieur und promoviert an der RWTH Aachen. Eine Entscheidung, mit der er nicht allein ist. Mehr als 25.000 Studenten studieren an der Universität ein Fach der Ingenieurwissenschaften. Wer Karriere machen möchte, ist hier gut aufgehoben. Im Uni-Ranking der WirtschaftsWoche haben mehr als 500 Personaler die RWTH zur Nummer-Eins-Adresse für angehende Wirtschaftsingenieure gewählt. Beliebte Studenten-Städte wie Berlin und Hamburg folgen mit einigem Abstand.

Dass die Ingenieurschmiede ausgerechnet in Aachen ansässig ist, irritiert. Die Universität ist von den Hauptstädten der Branche weit entfernt. Nicht einmal eine gute ICE-Verbindung gibt es. Was also überzeugt die Personaler aus diversen Branchen so?
Als „The Aachen Way“ bezeichnet Anja Robert, was die Unternehmen anziehe. Robert leitet das „Career Center“ der Universität und steht mit vielen Arbeitgebern in Kontakt. Was sich hinter dem Marketingsprech verbirgt, ist vergleichsweise schnell umrissen

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Der Schlüssel zum Erfolg liege in einer soliden Ausbildung der Studenten in den Grundlagen und der Fähigkeit, über das Bestehende hinauszudenken. „Spricht man die Studenten auf die Mathematik-Module an, verdrehen manche die Augen“, sagt Robert. Aber ohne eine solide Basis gehe es nicht. Entscheidend sei jedoch, dass es längst nicht bei der trockenen Theorie bleibe. Die Verzahnung von universitärer Forschung und Anbindung an die industrielle Praxis ist so eng wie an wenigen Universitäten sonst. Davon profitieren die Hochschule und ihre Absolventen.

Dass Marco Stieneker etwa an den Zukunftsfragen der Windenergie forschen darf, hat er der Praxisnähe der Ingenieurausbildung zu verdanken. Braucht ein Unternehmen eine Lösung für ein bestehendes Problem, kann es Forscher der RWTH beauftragen. Die Studenten werden in die Forschung mit einbezogen. Sie können sich als studentische Hilfskraft bewerben oder während ihrer Promotion Seite an Seite mit dem betreuenden Professor versuchen, Lösungen zu finden.

Wer erst einmal für ein Unternehmen geforscht hat, hat schnell ein Netzwerk von potenziellen Arbeitgebern aufgebaut: Hier eine Telefonnummer – da eine Visitenkarte – dort ein „melden Sie sich, wenn Sie Ihren Abschluss haben“. Die Liste der Unternehmen ist lang. Seit mehr als zehn Jahren ist zum Beispiel Miele Kooperationspartner der RWTH Aachen. Mehrere promovierte Ingenieure sind bei dem Haushaltsgerätehersteller gestartet, zum Beispiel als technischer Assistent der Geschäftsleitung. „Aachen ist für Miele von herausragender Bedeutung. Eine Reihe hochrangiger Führungskräfte haben in Aachen studiert und promoviert,“ sagt ein Sprecher des Unternehmens. Marco Stieneker kennt allein durch seine Forschungsarbeit 24 Unternehmen. Das sind zwei Dutzend potenzielle Arbeitgeber.

Von den Forschungskooperationen der RWTH profitieren aber nicht nur Unternehmen und Studenten, sondern auch die Universität selbst. Neben dem guten Ruf bringt die Forschung auch jede Menge Geld ein. Für jeden Euro von Unternehmen erhält die Universität einen größeren Anteil der leistungsorientierten Mittel vom Bund und vom Land Nordrhein-Westfalen. Die Grundfinanzierung, die jeder Hochschule zusteht, ist unverhandelbar. „Bei der Verteilung der leistungsorientierten Mittel stehen die Hochschulen im Wettbewerb“, sagt Aloys Krieg, Prorektor für Lehre.

Um leistungsorientierte Mittel zu erhalten, sei es von Vorteil, große Summen an Drittmitteln aus der Industrie oder öffentlichen Förderprogrammen beispielsweise von der EU für die Forschung zu bekommen. Die Bilanz der RWTH im Jahr 2017: 360 Millionen Euro hatte die Universität an Drittmitteln zur Verfügung, 92 Millionen davon kamen aus Industrie und Wirtschaft. „Die RWTH genießt völlig zurecht einen exzellenten Ruf“, sagt Hermann Lamberty, Sprecher des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW. Sein Ministerium entscheidet über die Höhe der Landesmittel, die jede Hochschule erhält. Die Zuweisungen an die RWTH betragen zwischen 2010 und 2020 fast fünf Milliarden Euro. „Das ist gut investiertes Geld“, sagt Lamberty. Die RWTH nutzt das Geld, um Forschung und Wirtschaft noch enger zu verzahnen.

Auf dem sogenannten Campus sollen Wissenschaftlerteams und Industriekonsortien Tür an Tür zusammenarbeiten – an Zukunftsfragen, die die Industrie betreffen. Noch gleicht das Gelände einem Industriegebiet im Aufbau. Das erste Grundstück hat sich im Jahr 2006 das E.On Energy Research Center gesichert. Ursprünglich einmal von dem Energieriesen finanziert, ist es heute ein Forschungszentrum für Energiefragen. Direkt nebenan steht die 1000 Quadratmeter große Forschungshalle.

Hier forscht auch Marco Stieneker an dem Projekt unter der Plane. „Geheimhaltung ist unseren Partnern aus der Industrie sehr wichtig“, sagt er. Ginge es nach so manchem an der RWTH, wäre wohl auch ein Skandal um eine Stickoxid-Studie der Uniklinik besser unaufgedeckt geblieben. Besser noch: Er wäre nie passiert.

Deutschlandweite Aufregung über ein Experiment, bei dem 25 gesunde Menschen unterschiedlich hohen Konzentrationen von Stickstoffdioxid ausgesetzt wurden, hat das Image der Aachener Industriekooperationen stark angekratzt. Bei der Studie führten Forscher Versuche über die Folgen der Arbeitsplatzbelastung mit dem Reizgas für Menschen durch, um gesundheitlichen Schäden für beispielsweise Kfz-Mechaniker vorzubeugen.

Experimentelle Untersuchungen mit Arbeitsstoffbelastungen laut RWTH zu den üblichen wissenschaftlichen Aufgaben der Arbeitsmedizin. Die Lobby-Organisation der Automobil-Industrie EUGT hat die Ergebnisse Anfang 2018 so interpretiert, dass sie mit Arbeitsschutz jedoch nichts mehr zu tun hatten – und sie in Zusammenhang mit gesundheitlichen Folgen von Dieselschadstoffen in Zusammenhang gebracht. „Die Stickoxid-Studie befasst sich inhaltlich gar nicht mit der Dieselbelastung von Menschen“, sagt Aloys Krieg. Kurzum: Die Aachener fühlen sich von Autoindustrie vorgeführt. Damit Studienergebnisse der Universität künftig nicht für Lobby-Zwecke missbraucht werden, werde die RWTH die Geber von Drittmitteln genauer überprüfen.

Dennoch ließ der Fall eine alte Diskussion wieder hochkochen: Die Nähe zur Wirtschaft gefährde die Unabhängigkeit der universitären Forschung, predigen Kritiker schon länger. Der frühere Staatssekretär im NRW-Wissenschaftsministerium Wolfgang Lieb nannte Zahlungen von der Industrie gegenüber dem Deutschlandfunk sogar gefährlich. Auch die Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Edda Müller klagte bereits im Jahr 2015, drei Jahre vor dem Missbrauch der Stickoxid-Studie: „Wir beobachten, dass zunehmend die Verwertungsinteressen der Wirtschaft die Lehre und auch die Forschung weitgehend bestimmen.“

Aloys Krieg entgegnet: „Viele klassische Universitäten wollen die Unternehmen nicht so nah an sich heranlassen, aber bei Ärzten legen sie ja auch Wert darauf, dass sie im Studium schon einmal einen Patienten gesehen haben.“ Außerdem halte sich die Universität an den Grundsatz der Freiheit von Lehre und Forschung. Eine RWTH ohne enge Verbindungen zur Industrie ist derweil fast undenkbar. Sie wurde schließlich dafür gegründet, maßgeschneiderte Ingenieure – im 19. Jahrhundert noch für den Bergbau – auszubilden. Dafür haben Unternehmen die Entstehung der Universität finanziell unterstützt.

Mit der Annahme von hohen Summen aus der Wirtschaft muss die RWTH versuchen, auf dem schmalen Grat zwischen Abhängigkeit von Geldgebern und Unabhängigkeit der Forschung zu balancieren. Bleibt eine Studie beispielsweise ergebnislos, hat ein Kooperationspartner tausende Euro für nichts bezahlt.

„Forschung ist immer Versuch und Irrtum: Es kann klappen, muss es aber nicht“, erklärt der Prorektor für Forschung und Struktur an der RWTH, Professor Rudolf Mathar. Die Unternehmen seien mit den Jahren offener für diesen Prozess geworden.

Einer, der davon profitiert, ist Marco Stieneker. Der Oberingenieur wird im Sommer sein zweites Zuhause – die Forschungsfläche des E.On Energy Research Centers – verlassen. Ein Unternehmen aus der freien Wirtschaft hat ihn überzeugt, künftig auf der anderen Kooperationsseite zu arbeiten. Noch darf er nicht sagen, wo er anfangen wird. Dass er den Job bekommt, hat aber ganz sicher mit der RWTH zu tun: „Das Networking hier kommt einem sehr zugute.“