Gelita und der Glibberkrieg im Odenwald

Dieser Mittelständler trotzt dem Familienzoff

von Harald Schumacher

Die Eigentümerfamilie von Gelita ist heillos zerstritten, gleichzeitig steuert Vorstandschef Franz-Josef Konert den Weltmarktführer für Gelatineprodukte in stark wachsende, lukrative Geschäftsfelder. Wie geht das?

Innovation als Antriebskraft: Mit Kollagen für Schönheitsmittel erzielt Gelita bessere Margen.

Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche

Franz-Josef Konert hängt sein Jackett über die Lehne und platziert sich dann selbst leger in seinen Sessel. Doch die Lockerheit wirkt bemüht, der Mann scheint angespannt. Keinen Blick hat er übrig für die Aussicht auf den an der Zentrale bei Eberbach träge in Richtung Heidelberg fließenden Neckar. Immer wieder greift der 61-Jährige ein, unterbricht seinen Marketingchef, der neue Geschäftsfelder präsentiert, ergänzt Stichworte, die ihm wichtig sind. Konert will eine Erfolgsgeschichte erzählen – endlich mal. Die geht oft unter, weil ein bizarrer Streit in der Eigentümerfamilie das Bild des Unternehmens bestimmt.

Gelita, gegründet 1875, ist Weltmarktführer für Produkte aus Gelatine. Die wird aus den Bindegewebsschichten unter Rinderfellen und Schweineschwarten extrahiert und bestimmt unter anderem die Konsistenz von Gummibärchen. Große Kunden wie Haribo stellen im Zeitalter veganer Ernährung jedoch ungern heraus, dass sie den glasigen Zellbrei verwenden.

Obwohl sein Produkt also vom Zeitgeist eher verdammt wird, hat sich das Unternehmen unter Konerts Führung mit Innovationen neue Geschäftsfelder erschlossen. Das hat er geschafft, obwohl der Konflikt der Eigentümer mittlerweile sogar die persönlichen Finanzen des Vorstandschefs bedroht.

Mit Zellbrei zum Erfolg: Gelita ist Weltmarktführer für Produkte aus Gelatine.

Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche

Maschinen an weltweit 21 Gelita-Standorten fabrizieren heute Dutzende von Produktvarianten. In der Lebensmittelindustrie sorgen Blatt- und Pulvergelatine traditionell für glänzende Tortenglasuren, luftige Marshmallows und streichfähigen Frischkäse. Der Stoff findet sich aber auch in weichen Medikamentenkapseln, blutstillenden OP-Schwämmen und technischen Schmierölen, ebenso in Modellen, die beim Flugzeugbau den Vogelschlag an Triebwerken simulieren.

Als besonders zukunftsfähig gilt bei Gelita Kollagen. Das Zwischenprodukt der Gelatineherstellung dient als Basis für Mittel zur Nahrungsergänzung und Anti-Falten-Cremes. Mit ihm stößt Gelita in das lukrativere Pharma- und Kosmetikgeschäft vor.

Umstrittener Verkauf

Einen großen Teil des Investitionsvolumens von in diesem Jahr 50 Millionen Euro steckt Konert deshalb in das Kollagenbusiness. Fast zehn Prozent des Umsatzes von zuletzt 700 Millionen Euro erlöst Gelita mit Produkten, die höchstens vier Jahre alt sind, in einem Innovationsranking führt die Beratung Munich Strategy Group Gelita aktuell auf Platz 33 von 3500 Unternehmen. Der Aufbruch in neue Geschäftsfelder hat sich ausgezahlt. Seit Konerts Amtsantritt 2010 ist der Umsatz nach einer zwischenzeitlichen Schwächephase von 400 Millionen auf gut 700 Millionen Euro gestiegen, in diesem Jahr soll er bei 740 Millionen liegen. Die Gewinnmarge von zuletzt acht Prozent ist deutlich höher als in der Branche üblich, die Eigenkapitalquote mit knapp 80 Prozent fast doppelt so hoch wie durchschnittlich im Mittelstand.

Eigentlich müssten beide Eigentümerclans dem Vorstandschef dankbar sein – doch dafür sind sie zu zerstritten. Der Konflikt zwischen den Familienzweigen um Hauptaktionär Philipp Koepff, 38, und seinen Onkel Peter Koepff, 76, der mit seinen Kindern ein Drittel der Anteile hält, schwelt seit Jahrzehnten. Ausgerechnet kurz nach Konerts Amtsantritt ist er eskaliert. „Mir war bewusst, dass es Streitigkeiten in der Familie gibt“, sagt der Vorstandschef. Dass es derart unbequem werden würde, konnte er aber kaum ahnen.

Auslöser der Zuspitzung war im Jahr 2012 der Verkauf einer 49-prozentigen Beteiligung am Medikamentenkapselhersteller R. P. Scherer. Mehrheitsaktionär Catalent, ein US-Entwicklungsdienstleister für die Pharmaindustrie, zahlte Gelita für die Anteile 43 Millionen Euro. Den Preis sieht Konert „an der oberen Grenze des Erzielbaren“, den Verkauf an sich erklärt er strategisch. 2010 hatte er pharmazeutische Anwendungen zum Wachstumsfeld erklärt, in der Folge gewann Gelita mehrere Kapselhersteller als Kunden und sollte durch die Scherer-Beteiligung nicht mit diesen konkurrieren.

Peter Koepff sieht die Transaktion ganz anders: Er ist davon überzeugt, dass die Scherer-Anteile ohne strategischen Grund und 40 Millionen Euro zu billig verkauft worden sind. Tatsächlich sei es bei dem Geschäft darum gegangen, Geld für eine üppige Sonderdividende zu beschaffen. Mit der habe sein Neffe Philipp die Anteile an Gelita bezahlt, die er im Herbst 2011 einem dritten Familienmitglied abkaufte – und mit deren Hilfe er die Mehrheit an dem Unternehmen eroberte.

Philipp Koepff weist die Vorwürfe zurück und erklärt, dass er die Aufstockung seines Anteils auf aktuell 63,5 Prozent auch über Kredite hätte finanzieren können. Seine gewachsene Macht nutzte er aber prompt dazu, um den Einfluss seines Onkels zu beschränken. Der von diesem in den Aufsichtsrat entsandte frühere Südzucker-Finanzvorstand Christoph Kirsch musste seinen Posten in dem Gremium räumen. Seitdem ist der Familienstamm von Peter Koepff, der rund 32 Prozent der Anteile hält, im Aufsichtsrat nicht mehr vertreten. Dabei habe Kirsch in dem Gremium durchaus „gute Arbeit“ gemacht, sagt Vorstandschef Konert. Solche Sachargumente interessieren die Streitparteien jedoch wenig.

Über ihre Anwälte setzten Peter Koepff und seine Töchter im Jahr 2014 durch, dass das Unternehmen eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen musste. Die installierte zwei Rechtsanwälte als Besondere Vertreter, eine Spezialität im Aktienrecht. Die Ermittlungen derartiger Vertreter rebellierender Aktionäre werden vom Unternehmen bezahlt. Bei Gelita gingen sie bei der Untersuchung des R. P. Scherer-Deals hart gegen die Führungsmannschaft vor.

Zeitweise beschäftigten drei Verfahren um den Scherer-Verkauf gleichzeitig die Gerichte. Eines hat das Oberlandesgericht Karslruhe im März entschieden – zugunsten der Gelita-Verantwortlichen. Die Richter befanden, dass der Düsseldorfer Rechtsanwalt Norbert Knüppel als Besonderer Vertreter mit einer Klage seine Kompetenzen überschritten hatte. Vorstandschef Konert lässt deshalb nun wiederum mögliche Schadensersatzansprüche gegen Knüppel prüfen.

Über zwei Klagen des ebenfalls als Besonderer Vertreter eingesetzten Stuttgarter Rechtsanwalts Matthias Schüppen wird noch verhandelt. Schüppen hatte über Monate interne Unterlagen und Mails im Zusammenhang mit dem Scherer-Verkauf gefilzt und meint, dabei „massive Indizien“ für Rechtsbrüche gefunden zu haben. Deshalb fordert Schüppen für Gelita nun fast 40 Millionen Euro Schadensersatz bei acht amtierenden und ehemaligen Vorständen, Aufsichtsräten und Aktionären ein. Das Landgericht Heidelberg überzeugte Schüppens Beweisführung aber nicht. Der Anwalt ging in Berufung.

Falls er am Ende doch gewinnt und keine Haftpflichtversicherung einspringt, müsste Vorstandschef Konert aus seinem Privatvermögen zahlen. Das sei für ihn ein „sehr belastender Zustand“, sagt der 61-Jährige, die Situation in Deutschland „wohl einmalig“. Es klingt deshalb durchaus zwiespältig, wenn der Manager erklärt, dass er Gelita „spannend“ finde. Mit der Einschätzung ist er aber nicht allein. Der frühere BASF-Vorstand und Linde-Chef Wolfgang Büchele ließ sich im März in den Aufsichtsrat berufen. Dass er den renommierten Manager gewinnen konnte, sieht Mehrheitsaktionär Philipp Koepff als gelungenen Coup. Auch sonst sieht er wenig Grund für Beschwerden. Er sei „sehr zufrieden“ mit der strategischen Entwicklung des Unternehmens, sagt der Hauptaktionär und lobt Vorstand und Mitarbeiter für ihre „hervorragende Arbeit“.

An weltweit 21 Standorten fabrizieren Gelita heute Dutzende von Produktvarianten.

Quelle: Katrin Binner für WirtschaftsWoche

Sein Onkel Peter dagegen kritisiert, dass die Folgen einer verlustreichen, von den Behörden zeitweise verfügten Fabrikschließung in China und der schwierige Aufbau eines zweiten Standorts dort „anscheinend bagatellisiert“ werden sollen. Seine ebenfalls am Unternehmen beteiligte Tochter erkennt sogar „keine strategischen Impulse für die Zukunft“. Nach ihrer Wahrnehmung entwickle sich das Unternehmen nicht weiter.

Das lässt Vorstandschef Konert, der sich aus dem Streit sonst möglichst heraushält, dann doch nicht auf sich sitzen. Fakten, die Marketingchef Michael Teppner mittels Beamer an die Wand wirft, sollen die großen Fortschritte belegen. So wachse der Markt für Gelatineprodukte bis 2020 um 2,6 Prozent, Gelita lege aber deutlich stärker zu – und wolle das auch in Zukunft tun.

Dafür sollen vor allem weitere Kollagenprodukte sorgen. Der Stoff gilt bei Gelita als wahres Wundermittel, das Knochen, Gelenke, Sehnen und Bänder von Mensch und Tier stärkt. Es soll die Haut straffen, als Prophylaxe gegen Arthrose, Osteoporose und Cellulite zum Einsatz kommen und die Muskelmasse zulasten des Fettanteils erhöhen. Drei Studien belegten „alle gesundheitsbezogenen Aussagen“, sagt Konert, das Geschäft werde „dynamisch wachsen“. Bis 2020 soll der Anteil des einträglichen Pharma- und Nahrungsergänzungsgeschäfts am Gesamtumsatz von jetzt 39 auf 45 Prozent steigen.

Wenn Peter Koepff nicht dazwischenkommt. Im März feierte der die Grundsteinlegung für eine Fabrik, die er seit 2015 nur 20 Kilometer vom Gelita-Stammsitz Eberbach plant. Die neue Fertigungsstätte soll unter dem Firmennamen Gelinova Blattgelatine produzieren – weshalb die Gelita-Beschäftigten Konkurrenz fürchten. Bei einer Protestaktion stellte sich Hauptaktionär Philipp Koepff neben dem Betriebsratschef und nannte die Fabrikgründung des angeblich bösen Onkels „grob geschäftsschädigend“.

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Vorstandschef Konert bleibt nichts anderes, als auch diesen Kampf aufzunehmen: „Wir werden uns nicht die Butter vom Brot nehmen lassen“, sagt er. Die Fehde wird ihn weiterhin Zeit vor Gericht kosten. Für das Unternehmen sei das „nicht schön“, sagt er, „ohne den Streit könnte es noch erfolgreicher sein“.

Der Streit im Eigentümerkreis macht es nicht leichter für Konert, dessen Vertrag 2020 endet, einen Nachfolger zu finden. Klageschriften von über 500 Seiten und Hauptversammlungen, die mit Hunderten von Fragen weit in die Nacht hineingehen, tut sich nicht jeder an. Aufsichtsratschef Jörg Siebert, der seit 2007 das Gremium führt und zuvor 20 Jahre Vorstandschef von Gelita war, sieht das trotzdem gelassen. Seien die Gerichtsverfahren 2019 entschieden, werde der Streit sich beruhigen. Für Koepf könne es sich unmöglich lohnen, weiter gegen eine Mehrheit von fast zwei Dritteln der Anteile anzurennen.

Bis zu seinem Abschied will sich Konert weiter auf Gelatine-Innovationen konzentrieren. Um zu zeigen, dass das Potenzial des Grundstoffs längst nicht ausgeschöpft ist, legt er ein neues Produkt auf den Konferenztisch: eine Teelichtform, die nicht aus Aluminium gepresst ist, sondern – natürlich – aus Gelatine. Schon in einigen Monaten soll ein Kerzenhersteller die erste Serie in den Handel bringen. Die unscheinbare Neuerung aus dem Neckar-Tal spielt eine tragende Rolle im Zukunftskonzept „Gelita 2030“ des Optimisten Konert.