High-Tech-Farm

Obst und Gemüse kommen in Südkorea aus dem Tunnel

Steigende Temperaturen machen der konventionellen Landwirtschaft zu schaffen. Südkorea setzt daher auf vertikale High-Tech-Farmen in Gebäuden. Erstmals entstand eine von ihnen nun in einem stillgelegten Tunnel.

Die High-Tech-Farm in einem ehemaligen Tunnel in Südkorea wird als eine mögliche Lösung angesehen, um extremen Wetterbedingungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel die Stirn zu bieten.

Quelle: AP

Hinter der blauen Mauer um einen früheren Straßentunnel bietet sich ein unerwarteter Anblick: eine riesige, in rosafarbenes Licht getönte Indoor-Plantage. Obst und Gemüse wachsen dort als Hydrokulturen in übereinander gelagerten Ebenen und werden anstelle von Sonnenlicht mit neon-pinkfarbenen Leuchtdioden angestrahlt. Bei der High-Tech-Farm in Südkorea handelt es sich nach Angaben der Betreiber um die erste Anlage der sogenannten vertikalen Landwirtschaft in einem Tunnel. Mit einer Fläche von 2300 Quadratmetern ist es auch die größte Plantage in einem Gebäude in dem Land und eine der größten weltweit.

Vertikale Farmen gelten als mögliche Lösung für aktuelle Herausforderungen in der Landwirtschaft, etwa Klimawandel und Extremwetter. Sie führen zu immensen Ernteverlusten, ebenso wie die Knappheit von Land und Arbeitern in Ländern mit einer alternden Bevölkerung. Der etwa 190 Kilometer südlich der Hauptstadt Seoul gelegene Tunnel war im Jahr 1970 für eine der ersten Schnellstraßen des Landes gebaut worden. Das einstige Symbol der Industrialisierung Südkoreas wurde 2002 geschlossen.

Ein Unternehmen der vertikalen Landwirtschaft mietete das Bauwerk im vergangenen Jahr von der Regierung und wandelte es in eine „smarte Farm“ um. Statt des Zirpens von Grillen ertönt dort nun „Clair de Lune“ aus einer Klaviersuite von Claude Debussy. Die Klänge sollen das gesunde Wachstum der Früchte fördern, wie Choi Jae Bin erklärt, Chef der Betreiberfirma NextOn. „Wir spielen klassische Musik, weil Gemüsepflanzen auch gern die Musik hören, die wir mögen“, sagt er.

Unter optimierten Bedingungen wachsen nach einem von NextOn eigens entwickelten Zucht- und Erntesystem insgesamt 60 verschiedene Obst- und Gemüsesorten. 42 davon sind nach Angaben von Technologiechef Dave Suh als pestizid-, herbizid- und gentechnikfrei zertifiziert. In dem Tunnel herrschen Temperaturen zwischen zehn und 22 Grad, was optimale Wachstumsbedingungen ermöglicht, wie Suh erklärt.
Vertikale Farmen wie diese können Experten zufolge maßgeblich zur Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen. Das ist besonders wichtig in Ländern mit schwierigen Anbaubedingungen wie Dubai und Israel, wo auch schon solche Anlagen betrieben werden.

Der Pflanzenkundler Son Jong Eek von der Nationalen Universität in Seoul erklärt: „Die Gesellschaft altert, und die Urbanisierung schreitet voran, während die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft schrumpft.“ Das sogenannte Smart Farming könne bei der Bewältigung dieser Herausforderungen helfen und es zudem erleichtern, hochwertige Kulturen zu züchten, die mit Blick auf die Temperatur und andere Bedingungen sensibel sind.
In Südkorea wurde 2016 laut Regierungsangaben nur etwas mehr als 16 Prozent der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Die Landbevölkerung schrumpfte in den vergangenen 40 Jahren fast um die Hälfte, und das obwohl sich die Gesamtbevölkerung um nahezu 40 Prozent vergrößerte. Das Landwirtschaftsministerium kündigte vor wenigen Monaten an, landesweit in die Entwicklung des Smart Farmings zu investieren. Die Landwirtschaftsfläche soll von derzeit 4010 Hektar auf 7000 Hektar wachsen.

Wegen der hohen Bau- und Infrastrukturkosten für vertikale Farmen fällt es nicht unbedingt leicht, damit einen Gewinn zu erwirtschaften. NextOn gelang es, die Baukosten um die Hälfte zu senken, indem das Unternehmen den stillgelegten Tunnel verwendete und eigene LED-Leuchten und andere Technik entwickelte.
Die patentrechtlich geschützte Technik reduziert den Wasser- und Energieverbrauch sowie den Personalbedarf, was die Produktionskosten senkt, wie Suh sagt. Sensoren in jeder vertikalen Ebene messen eine Vielzahl von Variablen wie Temperatur, Feuchtigkeit, Licht sowie die Kohlendioxid- und Feinstaubbelastung, um für jede Frucht eine optimale Umgebung zu schaffen. So sei der Anbau günstiger als in der konventionellen Landwirtschaft, erklärt der Technologiechef.

Dieser Tage beginnt NextOn nach eigenen Angaben damit, einen großen Lebensmittelhändler und eine führende Bäckereikette mit Obst und Gemüse zu beliefern. Das nächste Vorhaben: weitere Pflanzreihen in den verbleibenden zwei Dritteln des Tunnels anzulegen, um dort beispielsweise Heilkräuter anzubauen. Der Markt für Heilpflanzen werde derzeit von einigen wenigen Ländern und Regionen beherrscht, sagt Suh. Ziel von NextOn sei „eine stabile Massenproduktion solcher Premiumpflanzen“.