Mousse T.

„Wenn Du das zum ersten Mal hörst, bekommst Du Gänsehaut“

Interview von Thomas Kuhn

DJ, Musikproduzent und TV-Juror Mousse T. über neue Audiotechnik und den Qualitätssprung durch 3D-Sound.

Unter seinem Künstlernamen Mousse T. und mit dem Welthit „Sex Bomb“, den er für den Sänger Tom Jones schrieb und produzierte, wurde der DJ und Musikproduzent Mustafa Gündoğdu weltberühmt. Seit 1993 ist er Mitinhaber des Plattenlabels Peppermint Jam aus Hannover. Mit Remixen von Songs von Musikern wie Michael Jackson, Timbaland oder Missy Elliott ist er internationale Erfolgreich. Parallel dazu arbeitet er als Juror in verschiedenen TV-Talent-Shows, zuletzt in diesem Jahr bei Deutschland sucht den Superstar.

Quelle: imago

Mousse T., als Sie 1999 den Hit Sex Bomb für Tom Jones schrieben, waren CDs unangefochten der wichtigste Tonträger für Musik, der Absatz klassischer LPs auf rund 900.000 Stück in Deutschland gesunken. Knapp 20 Jahre später macht die Musikbranche hierzulande erstmals mehr Umsatz mit Musik-Streaming als mit dem CD-Verkauf, während zugleich der Absatz von Schallplatten mit zuletzt gut 3,3 Millionen einen neuen Verkaufsrekord erreicht. Einerseits die komplette Digitalisierung des Musikkonsums, andererseits die Wiedergeburt des Analogen – wie passt das zusammen?
Ich glaube, das eine hängt mit dem anderen zusammen. Es gibt halt eine ganze Menge Leute, denen ist es wichtig, Musik auch mal in Form einer Platte in der Hand halten zu können. Und je mehr die Musik in Form von Audio-Streams virtualisiert wird, desto mehr Menschen begeistern sich auch wieder dafür, dass sie etwas besitzen können. Nicht umsonst verkaufen sich Fan-Boxen mit mehr als einer Schallplatte drin so gut. Als alter Vinyl-Fan freut mich das natürlich und ich stelle mir die Platten auch gerne hin. Aber wenn man ehrlich ist, dann ist das vor allem Geschmackssache – und weder das eine noch das andere `ne echte Innovation im Musikgeschäft.

Naja, es geht doch auch weniger um die Tonträger als um die Musik, oder?
Klar, zu allererst muss Dich der Titel packen und nicht der Vertriebsweg. Aber es ist schon so, dass die Leute eben immer stärker Musik auch als Event erleben wollen. Und da hat sich – außer natürlich bei Live-Konzerten – beim Klangerlebnis zuhause seit Jahren nicht viel Neues getan. Klar, nach Stereo- kam vor ein paar Jahren der Surround-Sound, den Du jetzt zusammen mit dem Video eines Live-Konzerts anhören kannst. Aber das gibt es schon lange. Während Auflösung und Brillanz der Bilder auf Flachbildfernsehern in den vergangenen Jahren immer besser wurden, ist beim Sound nicht viel passiert. Aber jetzt ändert sich das zum Glück mit dem 3D-Sound.

Immer mehr Hersteller von Audiotechnik bieten Verstärker oder Soundbars für den neuen 3D-Raumklang an. Auf der IFA in Berlin ist das Thema auf den Ständen der Spezialisten allgegenwärtig. Aber ist das mehr als Marketing. Frage an den Sound-Experten: Bietet das Klangerlebnis wirklich so viel mehr als eine gute Surround-Anlage?
Ja, 3D-Sound ist ein echter Qualitätssprung. Unbedingt. Wenn Du diesen Raumklang zum ersten Mal hörst, bekommst Du Gänsehaut. Dieses Gefühl, dass Dich der Klang aus allen Richtungen umhüllt, das ist ein unfassbares Sounderlebnis. Das ist, womit Labels und Streaming-Dienste den Musikfans ein wirklich neues Angebot machen können. Eines das wirklich mal darüber hinaus geht, statt LPs nun CDs zu verkaufen, Aufnahmen dann auf DVDs statt auf CDs zu veröffentlichen und das Ganze dann, statt auf DVDs auch noch mal auf Blu-ray-Disks rauszubringen. Das war jeweils in erster Linie eine neue Vertriebsform, aber nicht, was die Leute heute haben wollen: Musik zu erleben.

Was heißt „erleben“ konkret?
Du hörst nicht bloß Musik, Du bist wirklich mittendrin. Aus dem Kino kennen wir das ja schon eine Weile: Da kommen Klänge hörbar aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Von vorne links unten oder hinten rechts oben. Oder sie bewegen sich durch den Raum. All das lässt sich mit 3D-Musik jetzt auch machen. Oder Du hörst Dir ein Live-Konzert an und hast die Band nicht einfach vor und den Jubel des Publikums hinter Dir, sondern es wölbt sich der Klang und damit die richtige Atmosphäre über Dich. Das hat einfach eine ganz andere Qualität. Wer Musik mag und das mal gehört hat, will es nicht mehr anders haben.

Aber was nützt der ganze technische Aufwand, wenn die Musik in aller Regel doch bloß in Stereo oder bestenfalls in Surround-Sound abgemischt ist?
Zum einen sind die guten Sound-Anlagen inzwischen in vielen Fällen erstaunlich gut in der Lage, 3D-Raumklang selbst aus herkömmlichen Aufnahmen sozusagen nachträglich zu „errechnen“. Trotzdem ist das Ergebnis natürlich nur eine Simulation. Ich bin mir aber sicher, dass es nicht mehr lange dauert, bis beispielsweise Audio-Streaming-Dienste auch Musik-Kanäle speziell für 3D-Sound anbieten.

Woher kommen die Aufnahmen? Mangelt es nicht an Inhalten?
Bei der Aufnahme arbeiten die Studios ohnehin mit zig Audiokanälen, die dann für den Vertrieb auf Scheiben oder die Wiedergabe in Streams auf Stereo oder Surround zusammengemischt werden. Aus den Originaldateien kannst Du aber genauso gut auch einen 3D-Stream machen, der noch mal viel besser klingt. Nach solchen Innovationen sucht die ganze Branche händeringend, weil sich daraus auch wieder neue Vermarktungsmöglichkeiten ergeben.

Nämlich?
So, wie beispielsweise die Video-Streamer ihren Abonnenten inzwischen gegen Aufpreis zusätzliche Film-Kanäle in besonders hoher Bildauflösung oder mit ganz besonderer Brillanz anbieten, so werden das die Musik-Dienste auch machen. Das bietet die Chance zur Differenzierung in einem Markt, bei dem sich die meisten Dienste doch extrem ähneln. Und deshalb werden die das machen.

Das heißt, 3D-Audio wird vor allem ein Streaming-Angebot?
Für klassisches CD-Geschäft sind die Datenmengen viel zu groß, die es für 3D-Sound braucht. Klar, Du kannst 3D-Audio auch auf eine Blu-ray-Disk packen. Aber der Vertrieb übers Netz ist viel leichter, weil Du Dir den ganzen Distributionsaufwand, sparen kannst, das Pressen, Verpacken und Verschicken. Und Streaming ist ja eh inzwischen der wichtigste Verbreitungsweg. Abgesehen davon wächst die Zahl der Breitband-Internetanschlüsse stark und damit die Möglichkeit, entsprechende Angebote als Kunde zu nutzen.

Sie haben mit „Where Is The Love“ nach 14 Jahren Plattenabstinenz gerade wieder ein neues eigenes Album veröffentlicht. Warum gibt es das noch nicht in 3D-Sound, trotz Ihrer Begeisterung für die Technik?
Weil ja auch die nötige Hardware gerade erst ihren Weg in die Häuser und Wohnungen findet. Aber ich finde den Gedanken total faszinierend. Vor allem, weil die 3D-Technik nicht bloß anders klingt. Im Grunde bietet sie auch die Möglichkeit, dass sich der Zuhörer selbst seinen persönlichen Klang-Mix zusammenstellt.

Inwiefern?
Technisch gesprochen: Wenn Du echten 3D-Sound produzierst, mischst Du keine fixierten Audiokanäle mehr. Stattdessen definierst Du nur noch, an welcher Stelle im Raum ein Klang oder ein Instrument ertönen soll. Der Verstärker sorgt dann dafür, dass der Klang so aus den Boxen kommt, damit der Zuschauer ihn an der wo passenden Stelle hört. Das gibt im Normalfall der Produzent im Studio vor. Muss er aber nicht. Theoretisch könnte auch der Zuhörer – nachträglich – bestimmen, aus welcher Richtung er was hört, oder an welcher räumlichen Position er sich beispielsweise in einem Konzert akustisch befinden will.

Beim Film achten die Regisseure penibelst darauf, dass die Aufnahmen in genau der Farb- und Helligkeitsabstimmung unters Volk und in die Kinos kommen, die sie als Künstler vorgeben. Wie fänden Sie das Musikproduzent, wenn jeder Zuhörer Ihren Sound dank 3D-Audiotechnik nachträglich wieder zerpflückte und individuell neu komponierte?
Ich finde die Vorstellung ziemlich genial. Dann stehst Du als Zuhörer mal beim DJ auf der Bühne oder sitzt mit im Orchestergraben, ganz wie Du willst. Dieser interaktive Gedanke und die Möglichkeit zur Individualisierung des Musikgenusses, das ist was ich meine, wenn ich 3D-Audio als echte Innovation in der Musikwelt bezeichne. Das fängt jetzt gerade erst an und ich finde es total spannend zu verfolgen, wo wir damit einmal landen.