Ifo-Konjunkturchef

„Aufschwung ist intakt, doch es gibt ein Signal, dass es klemmt“

von Bert Losse

Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser über die Unverwüstlichkeit der deutschen Wirtschaft, die kräftig steigenden Reallöhne – und die ökonomischen Folgen von Chemnitz.

Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung

Quelle: dpa

Herr Wollmershäuser, in den vergangenen Monaten haben viele Frühindikatoren den Rückwärtsgang eingelegt, die meisten Forschungsinstitute revidierten ihre Wachstumsprognosen nach unten. Jetzt kommen wieder bessere Daten, ifo hat seine Prognose für 2018 um 0,1 Punkte angehoben. Ist der Aufschwung doch noch intakt?
Ja. Ich glaube an eine Delle zu Jahresbeginn, nicht mehr. Für eine echte konjunkturelle Wende sehe ich – noch – keine Anzeichen. Das schwache Wachstum im ersten Quartal ist mittlerweile vom Statistischen Bundesamt etwas nach oben revidiert worden, und das zweite Quartal war mit plus 0,5 Prozent schon wieder überraschend stark. Die Prognosen waren von 0,3 Prozent ausgegangen. Einige Indikatoren haben sogar komplett gedreht, etwa die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen. Da hatte das Statistische Bundesamt zunächst für das erste Quartal einen Rückgang vermeldet. Jetzt stellt sich nach einer Aktualisierung der Daten heraus: Die Investitionen sind in diesem Zeitraum sogar gestiegen. Das hat unser Konjunkturbild schon verändert.

Wie kann das sein? Es droht ein chaotischer Brexit, die Schwellenländer wackeln, die Gefahr eines Handelskriegs ist noch lange nicht gebannt – und die Wirtschaft brummt, als könne nichts passieren.
Die bisher von den USA verhängten Zölle sind für uns mehr oder weniger irrelevant. Wir verkaufen immer noch in großem Stil Güter in die USA, wo die Konjunktur bestens läuft. Zudem hat die vorläufige Einigung zwischen US-Präsident Trump und EU-Kommissionspräsident Juncker im Handelsstreit vorübergehend für Beruhigung gesorgt. Sorglos dürfen wir natürlich nicht werden. Ein Großteil des Produktionsanstiegs in Deutschland im zweiten Quartal geht nach derzeitiger Datenlage in die Lager – ein Phänomen, das Konjunkturforscher überhaupt nicht mögen. Es ist ein Signal, dass es irgendwo klemmt, dass die Unsicherheit steigt.

Warum schlägt sich diese Unsicherheit noch nicht in der Realwirtschaft nieder?
Wir sind konjunkturell in einer besonderen Situation. Das außenwirtschaftliche Umfeld hat sich verschlechtert, jetzt kommen auch noch die Krisen in Schwellenländern wie der Türkei und Argentinien hinzu. Doch die deutsche Wirtschaft ist immer noch überausgelastet, die Auftragspolster sind dick, auch wenn weniger neue Aufträge hinzukommen. Zudem läuft die Binnenkonjunktur hervorragend. Der Beschäftigungsaufbau schwächt sich, anders als vor Monaten prognostiziert, noch nicht ab, die jüngsten Zahlen für Juli waren enorm stark. Die zunehmende Beschäftigung führt zu steigenden Einkommen, das wiederum treibt den Konsum. Die Bauwirtschaft läuft bestens, auch im Dienstleistungssektor ist die Stimmung wieder gestiegen.

Was bedeutet das für das Gesamtjahr?
Deutschland kommt in ein Szenario hinein, in dem die außenwirtschaftlichen Impulse wegen der diversen Krisenherde schwächer werden, dies aber durch die starke Binnenwirtschaft kompensiert werden kann. Wenn sich die genannten Risiken nicht bewahrheiten, bleibt der Aufschwung 2018 und wahrscheinlich auch 2019 intakt. Allerdings werden wir die hohe Wachstumsrate des Boom-Jahres 2017 nicht wieder erreichen.

Ihr Optimismus in Ehren, die Verbraucher sind derzeit allerdings mit einer unangenehmen Lage konfrontiert: Sie erhalten für Ihr Erspartes keine Zinsen mehr, gleichzeitig steigt die Inflation. Kann die reale Entwertung des Vermögens nicht den Konsum bremsen?
Zinseinkommen spielen für den Konsum nur eine untergeordnete Rolle. Der größte Treiber des Konsums sind die Arbeitseinkommen – und die ziehen in Deutschland spürbar an. Wir hatten enorm hohe Lohnabschlüsse, die Effektivlöhne haben zuletzt um 3,2 Prozent pro Kopf zugelegt. Da bleibt selbst bei einer Inflationsrate von aktuell zwei Prozent Einiges über. Die reale Kaufkraft der Bürger steigt bereits seit einigen Jahren, da halte ich die negativen Konsumwirkungen der Inflation für überschaubar. Es wird erst kritisch, wenn die Teuerungsrate über dem Anstieg der Nominallöhne liegt.

Wie gefährlich ist vor diesem Hintergrund der steigende Ölpreis? Er ist Haupttreiber der Inflation und nagt unerfreulich an der Kaufkraft.
Klar: Was die Leute mehr an der Tankstelle oder beim Füllen des Heizöltanks ausgeben müssen, fehlt für Konsum an anderer Stelle. Das müssen wir im Auge behalten. Aber der aktuelle Anstieg der Energiepreise ist noch nicht so stark, dass wir mit spürbaren Bremseffekten rechnen müssten.

Können auch innenpolitische Faktoren bremsen? Die jüngsten rechten Aufmärsche und Ausschreitungen in Chemnitz haben weltweit ein großes Echo gefunden. Wie relevant sind solche Vorkommnisse für die Wirtschaft und für den Standort Deutschland?
Die Bilder aus Chemnitz, die um die Welt gegangen sind, sind sicher keine gute Werbung für unser Land. Unternehmen, die in Deutschland investieren wollen, sind angesichts des Fachkräftemangels oft auf ausländische Mitarbeiter angewiesen, gerade im High-Tech-Sektor. Für die ist zumindest der Standort Chemnitz nun womöglich erstmal außen vor. In Investitionsentscheidungen fließen allerdings neben innerer Sicherheit und kultureller Offenheit noch sehr viele andere Faktoren ein. Daher glaube ich nicht, dass der Standort Deutschland insgesamt unter den Vorfällen von Chemnitz leidet. Zumal der Blick in andere Länder zeigt, dass Rechtsradikalismus ein gesamteuropäisches Phänomen ist.