„Wir gegen Amerika!“

Der Propaganda-Erfolg des Recep Tayyip Erdoğan

Seit Wochen taumelt die Türkei wirtschaftlich. Die Lira verliert an Wert. Und Präsident Erdoğan? Der scheint gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Noch.

Bisher versucht die türkische Regierung vor allem, die Finanzkrise mit Verschwörungs-Rhetorik abzuwenden. Sobald die ersten Unternehmen über die gestiegene Zinslast stolpern, dürfte das nicht mehr ausreichen.

Quelle: dpa

Das Video zeigt einen Mann, der mit einem Hammer nacheinander fünf iPhones zertrümmert. Im Hintergrund sitzen Teenager vor einer türkischen Flagge und rufen „Allahu akbar“, Gott ist groß. Andere verbrennen Dollar-Scheine oder zerhacken sie genüsslich mit einem Messer. Mehrere solche Videos kursieren gerade in den sozialen Netzwerken in der Türkei. Viele machen sich darüber lustig, aber nicht wenigen sprechen sie aus der Seele: „Wir gegen Amerika!“. Für manche Menschen sind patriotische Gefühle eben mehr wert als ein iPhone.

Innerhalb von drei Wochen hat die türkische Lira 30 Prozent ihres Werts verloren. Auslöser, wenn auch nicht Ursache, der Krise ist ein Streit um den amerikanischen Pastor Andrew Brunson, der seit bald zwei Jahren in der Türkei inhaftiert ist.

Da die türkische Regierung der Aufforderung Trumps, Brunson sofort freizulassen, nicht nachkommt, hatte US-Präsident Trump Strafzölle auf türkischen Stahl und Aluminium verhängt. Die Lira stürzte daraufhin ab und Erdoğan spricht nun von einem „ökonomischen Krieg, den die USA gegen die Türkei“ führe. Er kontert mit Zöllen auf amerikanischen Whiskey und Sprüchen wie „Sie haben Dollars, aber wir haben Allah“.

Seine Kritiker mögen meinen, dass es die Wirtschaft sei, die dem türkischen Präsident das Genick brechen wird. Doch bisher ist davon nichts zu merken. Erdoğan weiß die nationalistische Karte gut zu spielen. Wie kaum ein anderer Politiker in der Türkei vermag er es, Stimmungen im Volk zu spüren und schüren. Das Gerede von Wirtschaftskrieg und Marktmanipulationen kommt gut an. Spricht man mit kleineren Geschäften und Händlern, sehen die die Schuld klar bei Trump und wiederholen Erdoğans Parolen vom Wirtschaftskrieg, der gegen das Land geführt wird. „Der Kurs ist doch von amerikanischen Banken manipuliert“, sagt ein Gemischtwarenhändler im Istanbuler Stadtteil Kadikoy. „Dahinter steckt Trump.“

Seit jeher gehört es um Grundinventar türkischer Befindlichkeiten, zu glauben, ausländische Mächte hätten sich gegen das Land verschworen. Das hat historische Gründe, die in die Endphase des Osmanischen Reiches zurückreichen, in denen die alliierten Siegermächte tatsächlich die Konkursmasse des Reichs aufteilen wollten. Das verhinderte Kemal Atatürk in einem Befreiungskrieg und mit der Gründung der modernen, säkularen Türkei 1923.

Der Kampf gegen die äußeren Feinde (und innere, die mit ihnen paktieren) ist so Teil des Gründungsmythos der modernen Türkei. Seitdem wurden die Verschwörungstheorien stetig gepflegt und genährt. Darin unterscheidet sich Erdoğan nur wenig von der kemalistischen Oppositionspartei CHP, und erst Recht nicht von der ultranationalistische MHP. Kaum jemand will riskieren, aus dieser patriotischen Wagenburg auszubrechen.

Insofern verwundert es auch nicht, dass sich Anfang August alle größeren türkische Parteien außer der pro-kurdischen HDP solidarisch mit der Regierung erklärten. Sogar die Vertreter religiöser Minderheiten veröffentlichten eine Erklärung, in der sie beteuerten, es gebe in der Türkei Religionsfreiheit – als Reaktion auf eine Äußerung des amerikanischen Vize-Präsidenten Pence, der dies angezweifelt hatte.

Antiamerikanismus ist in der Türkei traditionell weit verbreitet. 2014 hatten laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts PEW in Washington nur 19 Prozent der Türken ein positives Bild der USA. Seit dem Syrienkrieg dürfte sich der Prozentsatz nochmals verringert haben, da man es den USA anlastet, die prokurdischen Kräfte dort zu unterstützen.

Und schließlich ist es die mittlerweile fast völlig gleichgeschaltete Presse, die eine differenziertere oder kritischere Betrachtung für die türkischen Bürger schwer macht. In der ersten Woche, als die Lira abstürzte, wurde das Thema nahezu totgeschwiegen. Später dann griffen die meisten Blätter Erdoğans Parolen vom „Wirtschaftskrieg“ auf, ohne dabei die eigene Wirtschaftspolitik kritisch zu hinterfragen. Erst vergangenen Donnerstag kritisierte Kemal Kiliçdaroğlu, Vorsitzender der CHP, die Wirtschaftspolitik Erdoğans und warf ihm vor, mit dem Fall Brunson nur die eigenen Fehler vertuschen zu wollen.

Tatsächlich ist die türkische Finanzkrise nicht ausschließlich hausgemacht. Sie hat ihren Ursprung in der Zinswende in den USA und den schwelenden, von Trump provozierten Handelskonflikten.

Nur: In der Türkei wurden die Probleme zu lange ignoriert, und Wachstum durch billiges Geld erkauft. Zudem ist Erdoğans Krisenmanagement miserabel. Das liegt vor allem daran, dass er einer äußerst unorthodoxen Theorie anhängt, wonach hohe Zinsen zu einer höheren Inflation führen. Im Mai, als die Inflation bereits auf 12 Prozent geklettert war und die Lira schwächelte, entschloss sich die Zentralbank schließlich zu einer Zinserhöhung von 13,5 auf 16,5 Prozent. Zu spät, zu zaghaft, zu reaktiv – sagten Kritiker. Nach der gewonnenen Wahl Ende Juni wartete die Märkte darauf, dass Mehmet Simsek, Aushängeschild des wirtschaftlichen Sachverstands, einen wichtigen Posten im Kabinett bekäme. Stattdessen machte Erdoğan im Juni seinen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister. Simsek, hieß es am Wochenende, habe sich inzwischen nach London abgesetzt.

Noch ist ein Großteil der türkischen Bevölkerung vom Verfall der eigenen Währung kaum betroffen. Schmerzhaft ist es für die junge türkische Mittelschicht – Leute, die ihren Urlaub in Europa machen wollten, und ihn jetzt wegen zu hoher Kosten absagen mussten, oder Familien, deren Söhne und Töchter auf Universitäten im Ausland zum Studieren schickten, und deren Ausgaben sich nun verdoppelt haben. Doch diese Schicht zählte ohnehin nie zur Stammwählerschaft der AKP.
Die ärmeren und konservativen Leute in der Türkei spüren zwar die Inflation, sind aber auch Krisen gewohnt. Noch Anfang der Nuller Jahre lag die Teuerungsrate bei 90 Prozent. Dass sie in den folgenden Jahren eingedämmt werden konnte, schreibt man der Wirtschaftspolitik der AKP zu.

Das dürfte sich ändern, wenn die Währungsturbulenzen in der Realwirtschaft ankommen. „Aus der Finanzkrise wird eine Wirtschaftskrise werden“, sagt Ronald Schneider von Raiffeisen Capital Management in Wien. „Es wird zwangsläufig zu einer starken Verlangsamung der türkischen Wirtschaft kommen.“ Türkische Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Verbindlichkeiten in Höhe von 220 Milliarden Dollar angehäuft. Durch die schwache Lira steigt die Zinslast der Unternehmen. Auf Dauer werden viele die gestiegenen Kosten nicht tragen können. Die Folge werden Insolvenzen und Entlassungen sein.

Spätestens dann dürften einige merken, dass das Zerschneiden von Dollarscheinen oder die Zerstörung von iPhones niemanden weh tut – außer ihnen selbst.