Schwache Lira

So kann deutsche Hilfe für die Türkei aussehen

Ankara braucht nicht auf ein Milliardenpaket aus Brüssel oder Berlin zu hoffen. Aber es gibt Maßnahmen, die im beidseitigen Interesse stehen. Denn von einer Pleitewelle wären auch deutsche Unternehmen betroffen.

Heiko Maas und Recep Tayyip Erdogan reichen sich die Hände.

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Heiko Maas dürfte am Donnerstag in beunruhigte Gesichter geblickt haben: Um acht Uhr morgens traf sich der Außenminister mit Vertretern der deutschen Wirtschaft in Istanbul. Niemand war in Panik, sagt Thilo Pahl, Geschäftsführer der Handelskammer in Istanbul, der beim Treffen dabei war. „Aber natürlich sind viele Unternehmer sehr besorgt über den Zustand der türkischen Wirtschaft.“

Innerhalb von zwei Monaten hat die türkische Währung rund 40 Prozent ihres Werts verloren. Bekam man Anfang des Jahres für einen Euro noch rund vier Lira, sind es mittlerweile 7,7. Das bringt vor allem türkische Unternehmen in Bedrängnis. Die haben in den letzten Jahren einen Schuldenberg von rund 300 Milliarden Dollar angehäuft. 27 Milliarden müssen in den nächsten drei Monaten umgeschuldet werden, weitere 93 Milliarden bis Juli 2019. Durch den Wertverfall der Lira müssen diese Unternehmen ihren Schuldendienst erhöhen. Der gestiegene Kostendruck wiederum muss auf andere Bereiche abgewälzt werden. Schon jetzt berichten immer mehr Unternehmen von Zahlungsausfällen. Eine Kaskade von Insolvenzen droht, die in einer schweren Rezession enden könnte.

Davon werden auch deutsche Unternehmen betroffen sein. Zwar sind viele der Maschinenbauer und Automobilzulieferer in europäische Lieferketten eingebunden. Das bedeutet, was teurer aus dem Ausland importiert werden muss, kann auch wiederum mit mehr Gewinn ins Ausland verkauft werden. Von Zahlungsausfällen, hoher Inflation und einem insgesamt instabilen Umfeld sind aber deutsche Unternehmen genauso betroffen. Von denen gibt es rund 7000 in der Türkei.

Die diplomatischen Aktivitäten haben deswegen stark zugenommen. Ende September wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Deutschland kommen, und für Oktober ist schließlich ein Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Altmaier vorgesehen.
Kaum vorstellbar ist, dass Berlin oder Brüssel die Türkei mit einem 14-Milliarden-Paket unterstützen - so wie es unlängst der Emir von Katar getan hat. Direkte Finanzhilfen sind politisch nicht durchsetzbar, und machen auch wirtschaftlich wenig Sinn. Es gibt allerdings indirekte Maßnahmen, die auf beidseitigem Interesse fußen. Die Verhandlungen über eine Vertiefung der Zollunion sind seit August 2017 ausgesetzt. Europäische Unternehmen aber haben ein handfestes Interesse daran, sie wieder aufzunehmen. „Eine Vertiefung der Zollunion ist im beidseitigen Interesse“, sagt Thilo Pahl.

Auch Christoph Leitl, Präsident der Eurochambres, dem Zusammenschluss europäischer Handelskammern, spricht sich deutlich für eine Vertiefung der Zollunion aus. „Wir sollten ökonomische und politische Interessen strikt trennen.“ Die Verhandlungen sollten auch nicht an politische Bedingungen geknüpft werden. „Die Türkei und die Europäische Union sind wirtschaftlich eng verbunden, eine instabile Türkei nützt niemanden“, sagte Leitl der WirtschaftsWoche.

Vor allem spanische, aber auch italienische und französische Banken gehören zu den größten Gläubigern türkischer Banken. Geraten die in eine Schieflage, hat das Auswirkungen. Nicht zuletzt fürchtet man, dass der Flüchtlingsstrom, der seit dem Abkommen 2016 versiegt ist, durch den bevorstehenden Angriff auf die Rebellen-Hochburg Idlib in Syrien wieder anschwillt. Leitl betont die Chancen, die durch eine engere wirtschaftliche Verknüpfung auch für europäische Unternehmen entstehen. Die Eurochambres will deswegen in den nächsten Monaten auch enger mit regionalen Kammern in der Türkei zusammenarbeiten.

Ursprünglich sollte das Abkommen auf Agrarprodukte, die öffentliche Auftragsvergabe und Dienstleistungen, etwa im Transportwesen, ausgedehnt werden. Seit August 2017 aber liegen die Verhandlungen darüber auf Eis. Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung und des Münchner Ifo-Instituts zufolge könnte die Türkei dadurch ihre Agrarexporte in die EU nahezu verdoppeln und sogar viermal so viele Dienstleistungen in den EU-Staaten erbringen. Europäische Unternehmen erhoffen sich dadurch einen besseren Zugang zum türkischen Banken- und Versicherungsmarkt.

Für die Türkei könnte dies das notwendige psychologische Signal sein, die Abwärtsspirale zu durchbrechen. Denn um aus der Währungskrise herauszukommen, muss Erdogan in erster Linie wieder Vertrauen herstellen. Nötig ist außerdem eine starke Zinserhöhung um mindestens 1000 Basispunkte, um türkische Kapitalanlagen wieder attraktiv zu machen. Das ist fraglich, da Erdogan Zinserhöhungen strikt ablehnt.
Immerhin: Noch hat kein deutsches Unternehmen das Land verlassen. Neuinvestitionen wagt zwar im Moment auch niemand, aber viele Firmen beobachten abwartend die Lage. Prinzipiell und langfristig halten viele den Markt nach wie vor für attraktiv.

Torpedieren kann diese Entwicklung eine Durchführungsverordnung, die am Mittwoch zahlreiche deutsche Unternehmen aufschreckte. Demnach sollen ausländische Unternehmen in der Türkei dazu verpflichtet werden, 80 Prozent ihrer Erlöse wieder in Lira umzutauschen. „Sollte es zu dieser Zwangsmaßnahme kommen, wird sich das auch negativ auf das Investitionsklima auswirken.“