Lira-Absturz

Erdogan führt Krieg gegen „Zinslobby“

Kommentar von Philipp Mattheis

Das Krisenmanagement der türkischen Regierung ist miserabel. Dahinter steckt auch ein bizarres Weltbild Erdoğans. Kritiker und letzte Bastionen wirtschaftlicher Vernunft mussten gehen. Übrig bleiben Ja-Sager.

Recep Tayyip Erdogan

Quelle: AP

Als am Sonntagabend die asiatischen Märkte öffneten, war die Richtung bereits klar: Die Lira erreichte kurz ein neues Allzeittief. Für einen Euro bekam man in Tokyo acht türkische Lira. Vor einer Woche waren es noch weniger als sechs gewesen. Kurz darauf gab Berat Albayrak, türkischer Finanzminister und Schwiegersohn des Präsidenten eine Pressekonferenz, in der er bekanntgab, am Montag würden Maßnahmen verkündet, um den Lira-Verfall zu stoppen. Welche Maßnahmen das seien würden, sagte er nicht. Typisch für das türkische Krisenmanagement – wie so oft in den vergangenen Wochen war dies zu spät, zu zaghaft, zu unkonkret.

Nicht alle Probleme der türkischen Währungskrise sind hausgemacht. Seit Monaten verlieren die Währungen fast aller Emerging Markets an Wert. Schuld daran ist die Zinswende in den USA und die schwelenden globalen von US-Präsident Trump initiierten Handelskonflikte. Auch die türkische Lira geriet so in einen Abwärtssog. Allerdings sticht der Umgang der türkischen Regierung mit der Krise besonders hervor.

Im Mai dieses Jahres, als die Lira schon seit Monaten schwächelte, und die Inflation auf über zwölf Prozent gestiegen war, erhöhte die türkische Zentralbank schließlich die Zinsen. Das war zu spät, zu reaktiv, zu zaghaft.

Als Anfang Juli nach den gewonnen Präsidentschaftswahlen Präsident Erdoğan sein Kabinett vorstellte, warteten die Märkte auf ein kompetentes Wirtschafts-Team mit einem klaren Reformprogramm. Stattdessen machte Erdoğan seinen eigenen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister. Und als Anfang August die Krise da war, räsonierte der Präsident von einem „Wirtschaftskrieg“, der gegen die Türkei geführt werde und von der „internationalen Zinslobby“.

Erdoğan ist Anhänger einer unorthodoxen bis bizarren Wirtschaftstheorie, wonach eine hohe Inflation durch hohe Zinsen erst verursacht werde. Zurück geht sie auf den amerikanischen Ökonom Irving Fisher, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert wirkte. Als sich Ökonomen 2010 nach der Finanzkrise wunderten, weshalb die Inflation trotz Nullzinspolitik und Maßnahmen wie Quantitative Easing nicht ansprang, erlebte Fisher ein Comeback. In solchen Fällen sei es möglich, die Inflation durch höhere Nominalzinsen zu stimulieren. Die überwiegende Mehrheit der Ökonomen ist sich einig, dass dieser „Neo-Fisherism“ in manchen seltenen Fällen in Volkswirtschaften von der Größe der USA ihre Berechtigung hat – sicherlich aber nicht in Schwellenländern wie der Türkei.

Ein weiterer Grund für Erdoğans rigorose Ablehnung hoher Zinsen ist religiöser Natur. Im Islam gibt es (wie im Christentum früher auch) ein Zinsverbot. Islamische Banken, die zinslose Darlehen vergeben, boomen in der Region. Die Zinsen werden gewöhnlich durch mehr oder weniger versteckte Gebühren ersetzt. Erdoğan selbst ist gläubiger Moslem – vor allem aber klingen seine Theorien für den religiösen Teil seiner Wählerschaft attraktiv.

Lange Zeit stellten Erdoğans Zinstheorien keine großen Probleme dar. Zwar konnte er auf Wahlkampfveranstaltungen gegen die „internationale Zinslobby“ wettern, die türkische Wirtschafts- und Finanzpolitik aber wurde von rational-ökonomischen Leuten wie Ali Babacan und Mehmet Simsek geprägt.

Die politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre aber haben die Kritiker in den eigenen Reihen ausgedünnt. Erdoğans Macht wuchs durch die neue Verfassung und die gewonnene Wahl. Kritiker und letzte Bastionen wirtschaftlicher Vernunft mussten gehen. Übrig bleiben Ja-Sager und, wie im Falle des neuen Finanzminister Berat Albayrak, Verwandte. Der stellte am Montagvormittag ein Maßnahmenpaket vor, das keines ist. Die türkische Regierung sichert den Banken Liquidität zu. Die Zentralbank senkte die Mindesteinlagensicherung für die Geschäftsbanken. Zu einer erhofften Leitzinserhöhung kam es wieder nicht.

Stattdessen ist das Geraune groß. Mal ist die Rede von „neuen Finanz-Tools“, mit denen man die Währungskrise bekämpfen wolle, mal warnt man die USA davor, es sich nicht mit einem treuen Bündnispartner zu verscherzen. Die Bürger wurden dazu aufgefordert, ihre Euro- und Dollar-Reserven gegen Lira zu tauschen. Im Netz kursierte ein Propaganda-Video aus Urfa, in dem Männer Dollar-Scheine verbrennen.

Ein konsequentes und effizientes Krisenmanagement ist das nicht, und so verschlimmert die türkische Regierung das, was ohnehin schon tragisch ist. Am härtesten trifft dies die türkische Mittelschicht, die es sich bisher leisten konnte, nach Europa oder in die USA zu reisen und westliche Autos und Smartphones zu kaufen.

Die Masse seiner Wähler spürt die Krise zwar auch, aber längst nicht so deutlich. Die nicht so wohlhabenden und kaum gebildeten Wähler kann er noch eine Weile mit nationalistischen Parolen bei Laune halten. „Wenn wir die Zinsen nicht senken, dieses Werkzeug der Ausbeutung, machen wir die Reichen reicher und die Armen ärmer“, wiederholte Erdoğan am vergangenen Samstag, einen Tag, nachdem die Lira fast 20 Prozent ihres Wertes verloren hatte.