Abschied vom Steinkohlebergbau

Der Bergbau geht, die Kumpels sollen bleiben

Im Düsseldorfer Landtag begehen Nordrhein-Westfalen und das Saarland das Ende der Epoche des Steinkohlebergbaus. Doch auch hier kommen die Redner rasch auf das aktuelle Thema Nummer Eins: gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Bergleute verfolgen die Festveranstaltung im nordrhein-westfälischen Landtag.

Quelle: dpa

Man muss schon ein Herz aus Stein haben, um davon nicht gerührt zu sein: Da erheben sich zwei Ministerpräsidenten, mehrere Ex-Ministerpräsidenten, ein Gewerkschaftschef, ein Bischof und viel sonstige Prominenz aus Nordrhein-Westfalen und dem Saarland und singen mit einem Bergmannchor das Steiger-Lied. Samt der deftigen letzten Strophe, die sonst oft weggelassen wird:

„Wir Bergleut sein kreuzbrave Leut‘
Denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht
Denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht
Und saufen Schnaps und saufen Schnaps“

Sodann wird tatsächlich klarer Schnaps serviert – mitten im Plenum des Düsseldorfer Landtags beim Festakt zur Verabschiedung des deutschen Steinkohlebergbaus. Zu diesem denkwürdigen Ereignis hatten die Ministerpräsidenten Armin Laschet und Tobias Hans sowie der Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie, Michael Vasilliadis, pflichtschuldig ihre Reden gehalten. Es war im Grunde dreimal dieselbe Ansprache – und die war durchaus angemessen. Alle machten deutlich, dass am 21. Dezember dieses Jahres, wenn die letzte Schicht auf Zeche Prosper Haniel in Bottrop einfährt, nicht nur für die letzten Bergleute, sondern für Deutschland eine Epoche endet.

Die beiden Ministerpräsidenten riefen ins Bewusstsein, dass es auch ihre beiden Bundesländer ohne den Kohlebergbau nicht gäbe: Nach dem Ersten Weltkrieg und dann wieder nach dem Zweiten wurde auf französischen Wunsch hin das „Saargebiet“ vom Deutschen Reich (und damit von Preußen und der bayrischen Pfalz) getrennt, weil das dortige Montanrevier eine Kraftquelle der deutschen Schwerindustrie war; nach 1945 gründete die britische Besatzungsmacht bewusst Nordrhein-Westfalen als Zusammenschluss aus mehreren preußischen Provinzen, um das Ruhrgebiet (vulgo: Kohlenpott) und seine industriellen Ressourcen in einem Bundesland zu vereinen. Das Saarland und Nordrhein-Westfalen trugen also mit diesem Festakt auch ihren eigenen historischen Existenzgrund zu Grabe.

Die Bedeutung des Steinkohlebergbaus kann man gar nicht übertreiben. Mit der zunehmenden Förderung und Verbrennung von Steinkohle seit dem frühen 19. Jahrhundert beginnt nicht nur das industrielle Zeitalter. Es begann damit ein neues Erdzeitalter. Erstmals veränderten wirtschaftliche Aktivitäten nicht nur das Leben und Zusammenleben der Menschen, sondern grundlegend das Angesicht der Erde und, was erst rund zweihundert Jahre später deutlich wurde, wohl auch das Klima. Ob der enorme Energiehunger, den die Kohle und andere fossile Brennstoffe erstmals in der Weltgeschichte wecken und zugleich befriedigen konnten, langfristig auf andere Weise nachhaltig gestillt werden kann, ist keineswegs sicher. Noch bleibt die Verbrennung von Kohle in Kraftwerken auch im Energiewendeland Deutschland unverzichtbar und sie soll, dafür machte sich Hans besonders stark, eine „Brückentechnologie“ bleiben – auch wenn die Kohle aus anderen Ländern importiert wird.

Die Redner lobten den Konsens der „Sozialverträglichkeit“. Das Ende des Steinkohlebergbaus war nach der von Vassiliadis gern zitierten Losung „niemand fällt ins Bergfreie“ ein jahrzehntelanger langsamer Gleitflug ohne abrupte Absturzgefahr. Erst mit dem Ausstiegsbeschluss der Großen Koalition von 2007 stand das endgültige Aus 2018 fest. Kein Bergmann wurde betriebsbedingt gekündigt. Ein Privileg, das – von allen Düsseldorfer Rednern unerwähnt – lange Zeit auch durch das strategische Argument der Notwendigkeit einer gewissen Selbstversorgungsfähigkeit Deutschlands mit eigener Energie untermauert werden konnte. Steinkohlebergbau war eben nie eine ganz normale Branche.

Einig waren sich die beiden CDU-Ministerpräsidenten und der Gewerkschafter auch in ihren aktuellen Bezügen. Seehofers Satz von der Migration als „Mutter aller Probleme“ blieb zwar unerwähnt. Aber dass das Thema derzeit die Mutter aller politischen Debatten ist, bestätigten Laschet, Hans und Vassiliadis, indem sie den Anteil der früher so genannten Gastarbeiter und der polnischen Zuwanderer an den Leistungen des Kohlebergbaus besonders hervorhoben.

Hans wollte die Traditionen des gefährlichen Berufs der Bergleute, das „Zusammenstehen“, als „christliche Traditionen“ verstanden wissen, der „aufrechte Bergmann“ sei nie nationalistisch und ausgrenzend gewesen. Von „Impulsen“ für die Demokratie, für Gerechtigkeit und soziale Partnerschaft sprach Laschet. Vassiliadis sprach von einem Auftrag für die Zukunft.
Die integrierende Wirkung der gemeinsamen Maloche im Pütt vor der Kohle – die kann man sicher kaum unterschätzen. Bergleute nennen sich nicht umsonst gegenseitig Kumpel. Zusammenhalt war bei Unglücken unter Tage eine Frage von Leben und Tod. Im gemeinsamen Streik wurde diese Solidarität zur politischen Kraft, die religiöse und nationale Herkunftsunterschiede überwand. Man kann wünschen und hoffen, dass dieses kulturelle Vermächtnis des Kohlebergbaus fortlebt in der heutigen Einwanderungswirklichkeit.

Aber kann man es ernsthaft erwarten? Wohl kaum. Heutige Einwanderer stehen eben nicht neben deutschen Kumpels gemeinsam schwitzend vor Kohle. In der Regel beginnt ihre so genannte Integration in Deutschland vor den Schaltern der Sozialstaatsbürokratie. Selbstverständliche Sozialleistungen zu empfangen, stiftet aber keinen sozialen Zusammenhalt.

Das Dienstleistungsprekariat, in dem die meisten Migranten der Gegenwart im besseren Fall unterkommen, stiftet auch im Gegensatz zum Proletariat der Kumpels keine eigene Kultur, keine eigenen Traditionen. Bergleute trugen – wie im Landtag zu sehen – eine Berufstracht und gründeten Vereine und Chöre. Auch das trug dazu bei, aus katholischen Polen Kumpels von protestantischen Westfalen werden zu lassen. Die Monadenwirtschaft der Gegenwart bringt solche Identitätsstiftungen nicht hervor. Lieferando- und Amazon-Boten singen nicht gemeinsam stolze Lieder über ihren Berufsstand. Gemeinschaft und Zusammenhalt suchen sie jenseits des Arbeitsplatzes.