Gutes Design

Wie der Stuhl zur Schnittstelle wird

von Dieter Schnaas

Gutes Design schafft mehr als schöne Oberflächen. Es formt unseren Umgang mit den Dingen, prägt das Image von Marken – und gestaltet über digitale Interfaces die Interaktion mit den Produkten.
Quelle: imago

Design ist keine Kunst. Auch wenn es manchmal den Anschein hat. Das Kunstauktionshaus Grisebach hat Anfang Juni neben Aquarellen von Emil Nolde und Mischtechniken von Anselm Kiefer auch einen „Schneewittchensarg“ von Hans Gugelot und Dieter Rams verkauft, die legendäre Radio-Phono-Kombination der Firma Braun aus dem Jahr 1956. Bei einer Gianni-Versace-Retrospektive in Berlin setzten die Ausstellungsmacher Kleider und Puppen wie Objekte und Statuen in Szene. Und der Möbelhersteller Vitra in Weil am Rhein auratisiert in seinem Museum Stühle, Leuchten und Bestecke, als seien Gebrauchsgegenstände eigensinnig, wie ein Rembrandt oder Rubens, allen praktischen Zwecken enthoben.

Sind sie natürlich nicht. Anders als Kunstwerke gewinnen Designerzeugnisse ihre Stimmigkeit nicht aus sich selbst heraus. Sie begegnen uns nicht als unlösbares „Rätsel“ (Theodor W. Adorno) und vermögen uns auch nicht mit einem unbegreifbaren Wahrheitsgehalt zu bezwingen. Stattdessen müssen sie (manchmal verbergend) zeigen, dass sie zu etwas da sind. Müssen ihre Relevanz unter Beweis stellen, ihre Funktion. „Denkt man an die Möbel, auf denen wir sitzen, und an die Typografie der Texte, die wir lesen“, schreibt der Philosoph Daniel Martin Feige, so wäre „die Vorstellung seltsam, dass wir die ästhetischen Eigenarten dieser Gegenstände kontemplativ und um ihrer selbst willen wahrnehmen.“

Warum also haben Designer so lange versucht, ihr Gestalten und Entwerfen als Teildisziplin der Kunst zu nobilitieren? Warum fällt es ihnen zuweilen schwer, zu akzeptieren, dass es sich bei Kunst und Design um ganz unterschiedliche Formen des Ästhetischen handelt? Die Kunst ist ein Medium der Selbstverständigung und Neuaushandlung unseres Weltbezugs: In der Betrachtung autonomer Artefakte „gewinnen wir selbst und unsere Welt jeweils eine neue Kontur“, so Fiege. Alles Design hingegen ist an seinen Gebrauch gebunden, ist eine ästhetische Form der praktischen Welterschließung – im Wege einer adaptierenden Umgestaltung dessen, was uns täglich zuhanden ist: ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett.

Design als geformte Funktion? Das klingt zunächst einmal dürr. Aber weil der Gebrauch eines Gegenstandes nicht nur dessen Design bestimmt, sondern das Design des Gegenstandes auch dessen Gebrauch, ist jeder Entwurf eines Stuhles zugleich eine Neuinterpretation des Sitzens. Und das ist noch nicht alles. Denn als Ausdruck dessen, was sein Designer (und sein Käufer) unter Sitzen versteht, erfüllt der Stuhl auch dann seine – ästhetische – Funktion, wenn der Nutzer ihn wegen seiner – praktischen – Funktion gerade nicht in Gebrauch hat. Das heißt: Ein Designstuhl signalisiert jederzeit, was sein Designer (und sein Käufer) unter Sitzen versteht. Er ist nicht nur ein Gebrauchsgegenstand, sondern auch ein Bedeutungsträger: „Kaum eine Form, die nicht neben ihrer Angemessenheit an den Gebrauch auch Symbol wäre.“ (Adorno)

Wenn aber Designphilosoph Thomas Lockwood, Juror des Red Dot Award, davon spricht, dass „Design und Innovation“ heute „Lebensadern“ moderner Unternehmen seien, dann meint er damit nicht nur die Zeichenhaftigkeit einzelner Designgegenstände, sondern den übergeordneten Signalcharakter des Designs schlechthin: Ein skulpturaler Röhrenverstärker demonstriert und symbolisiert technische Perfektion, gewiss, aber er übersetzt auch das Selbstverständnis des High-End-Herstellers in eine ästhetische Formsprache und vermittelt monetarisierbare Emotionen. Sein Designer ist ein Kommunikator, der ein distinktes Stilbewusstsein bewirtschaftet, ein Markenmanager, der es „nicht mit künstlerischen Formen, sondern mit Lebensformen zu tun“ hat, so der Philosoph Norbert Bolz. Ein Badarmaturenhersteller wie Dornbracht verkauft daher keine Brausen mehr, sondern den „Spirit of Water“ und den „Lebensraum Bad“.

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Allerdings hat man sich das Verhältnis zwischen Designproduzent und -konsument heute nicht mehr binär und sukzessiv vorzustellen – als Herstellung eines Produktes, das (dann) symbolisch zu gefallen weiß oder nicht. Vor 20 Jahren verkaufte das exklusive Klassik- und Jazz-Label ECM mit seinen CDs noch musikalische Inneneinrichtungen, in denen Käufer es sich intellektuell bequem machten. Heute, nach der digitalen Revolution, gestaltet Design zunehmend Prozesse, Interaktionen, Schnittstellen – es muss Nutzer performativ, als ständig verfügbares Assistenzsystem überzeugen, als Produzent eines dauernd bereichernden Flow-Gefühls. Denn Design als Dienstleistung, das meint Vereinfachung, Schwellensenkung, Zugang – die komplexitätsreduzierende Organisation dessen, was im Namen des Nutzers Wunsch und Welt unmittelbar kurzschließt. Es ist „verschwundenes Design“, praktisch unsichtbar, jederzeit ansprechbar - reine Funktion, der materiellen Welt möglichst enthoben: „Alexa? Was unterscheidet Kunst und Design?“