Zschabers Börsenblick

Vietnam für Anleger – das „Werkbänkchen“ der Welt

von Markus Zschaber

Kapriolen in vielen Schwellenländern schrecken Anleger ab. Investoren sollten nun aber nicht allen Emerging Markets den Rücken zu kehren. Ein Blick auf Vietnam etwa kann sich lohnen
Quelle: imago

Als jüngst der frühere US-Präsidentschaftskandidat John McCain zu Grabe getragen wurde, gehörte zu denjenigen, die öffentlich ihre Trauer bekundeten, auch ein einstiger Feind des Republikaners: das Land Vietnam. Der vermeintliche Widerspruch ist schnell erklärt: McCain hatte, obwohl er im Vietnamkrieg vom Gegner gefangen genommen und gefoltert wurde, später immer wieder den Kontakt zu dem Land im Südchinesischen Meer gesucht und die Beziehungen zwischen diesem und seinem Heimatland, den USA, gestärkt. Dass nun also sogar staatliche vietnamesische Medien über den Tod McCains berichteten, sorgte international für Aufmerksamkeit. 

Das ist insofern auch etwas Besonderes, als Vietnam in der Regel nicht sonderlich im Fokus steht. Womöglich ist das auch ein Grund, warum Börsianer das Land, das flächenmäßig immerhin knapp so groß ist wie Deutschland, nicht auf ihrem Schirm haben. Dabei könnte gerade jetzt interessant sein, sich Vietnam einmal näher anzuschauen. Zu einem Zeitpunkt, zu dem andere Emerging Markets für einige Verwerfungen auch am Aktienmarkt sorgen – unter anderem die Türkei und Argentinien lassen grüßen –, zeigt die Börse des Landes nämlich eine bemerkenswerte Stabilität. Der Aktienindex FTSE Vietnam etwa beendete im Juli eine mehrmonatige Korrektur, zudem erweist sich die Währung des Landes, der Vietnamesische Dong, seit Wochen sowohl gegenüber dem Dollar als auch dem Euro verhältnismäßig stabil – das lässt sich von Währungen anderer Schwellenstaaten derzeit nicht behaupten. 

Spannendes Spektrum

Es ist aber wesentlich mehr als nur die Konstitution von Kursverläufen, die Vietnam für Börsianer interessant macht. Da ist vor allem das Thema Wachstum. Nach Angaben der Asian Development Bank (ADB) soll das vietnamesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 7,1 Prozent zulegen, und selbst moderatere Schätzungen von 6,5 Prozent sind noch bemerkenswert. In diesem Zusammenhang spielt das oben erwähnte traditionell gute Verhältnis mit den USA eine Rolle: Etwa ein Fünftel der in Vietnam produzierten Güter werden in die Vereinigten Staaten exportiert. Galt China in den vergangenen Jahren als Werkbank der Welt, ist Vietnam zumindest das „Werkbänkchen“. Vietnam produziert viel für das Ausland. So geht zusammen ein gutes Viertel der Ausfuhren auf Kosten der asiatischen Nachbarn China, Japan und Südkorea, aber auch auf Deutschland und die Niederlande entfallen jeweils gut drei Prozent.

Einer dieser Gründe: die Kombination aus gut ausgebildeten Fachkräften und einem günstigen Lohngefüge – der durchschnittliche Bruttomonatslohn betrug im vergangenen Jahr 5,37 Millionen Vietnamesische Dong, das wären aktuell keine 200 Euro. Es geht aber nicht nur um das „Wie“, sondern auch um das „Was“: Ein breites Spektrum an Rohstoffen, von Agrarrohstoffen wie Kaffee, Reis und Pfeffer über Energierohstoffe wie Öl und Gas bis hin zu Seltenen Erden, macht Vietnam so interessant für internationale Partner. Auch das überschaubare Niveau der Schuldenquote, die für 2018 rund 58 Prozent des BIP betragen soll, spricht für diese prosperierende Volkswirtschaft. 

Bemerkenswerter Börsengang

Natürlich müssen sich Investoren auch der Risiken eines Marktes wie Vietnam bewusst sein. So sind etwa Reformen zwingend notwendig, auf wirtschaftlicher wie auf politischer Ebene. Auch wenn Vietnam unter ökonomischen Aspekten als vergleichsweise liberaler Markt gilt, die Privatisierung und Teilprivatisierung ehemaliger Staatskonzerne immer mehr Fahrt aufnimmt und Börsengänge wie der der Brauerei Sabeco im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgen – das Ein-Parteien-System Vietnams ist noch weit von den demokratischen Rahmenbedingungen westlicher Märkte entfernt. 

Apropos Risiko: Von Einzelinvestments in Märkten wie Vietnam ist Privatanlegern abzuraten, auch weil an Informationen von Unternehmen in der Regel nicht so einfach zu kommen ist wie an solche von Dax- oder MDax-Konzernen. Ein Engagement in einen Index wie den FTSE Vietnam via ETF (DBX1AG) hingegen kann einem Portfolio als Beimischung aber in jedem Fall guttun – auch wenn andere Schwellenländer gerade schwächeln.