Wirecard

Dax-Aufstieg: Mehr Fluch als Segen?

von Georg Buschmann

In diesem Monat soll Wirecard in den Dax aufsteigen. Ein Grund, die Aktie zu kaufen, ist das aber nicht. Indexneulinge enttäuschen oft, zeigt der Blick zurück.

Wirecard soll in den Dax aufsteigen.

Quelle: dpa

Am Mittwochabend wird die Deutsche Börse auch offiziell verkünden, was in der Finanzszene schon lange ein offenes Geheimnis ist: Der Zahlungsabwickler Wirecard wird die traditionsreiche aber ertragsarme Commerzbank im Deutschen Aktienleitindex Dax ersetzen. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung. Für Unternehmen ist die Mitgliedschaft in Deutschlands wichtigstem Börsenindex ein Ritterschlag und lockt nicht zuletzt Investoren an. Allen voran ETFs, also passive Indexfonds, die den Dax abbilden, müssen die Aktie nun aufnehmen. So sorgen sie entsprechend für Nachfrage. 

Trotzdem erwies sich der Dax-Aufstieg für Aktionäre in den vergangenen Jahren nicht immer als segensreich. Ein Beispiel ist der bis dato jüngste Aufsteiger Covestro. Seit die ehemalige Bayer-Tochter im März in den Dax aufgestiegen ist, hat der Kurs um elf Prozent nachgegeben. Das Minus ist damit deutlich höher als das des Index‘, der nur zwei Prozent verlor.

Mit der schlechten Kursentwicklung ist Covestro nicht allein. Zwölf Werte kamen in den vergangenen zehn Jahren insgesamt neu in den Dax. Nur sieben davon schafften es, die Indexentwicklung in den folgenden fünf Jahren zu übertreffen. Der Dax-Aufstieg verheißt also nicht zwangsläufig weitere Kursgewinne für die Aktie des Newcomers.

Umgekehrt muss auch der Abstieg aus dem Leitindex nicht das Ende der Börsengeschichte sein. Im Gegenteil: Fünf der zwölf Absteiger liefen nach ihrem Abstieg sogar besser als der Dax. Continental und Infineon gelang, nachdem beide Unternehmen im Zuge der Weltfinanzkrise aus dem Leitindex ausschieden, sogar der Wiederaufstieg. Beide Werte brachten Anlegern, die sie zum Dax-Abschied kauften, spektakuläre Gewinne. Deshalb haben sich die Dax-Absteiger der vergangenen zehn Jahre im Mittel auch besser entwickelt als die Aufsteiger. Wer in jeden Dax-Absteiger 1000 Euro investiert hätte, hätte aus 12.000 Euro Einsatz binnen fünf Jahren 29.500 Euro gemacht – allein Infineon hat sich in den fünf Jahren nach dem Dax-Abstieg verzwölffacht. Ein Investment in die zwölf Aufsteiger hingegen hätte nur 19.600 Euro gebracht.

Dass die Dax-Neulinge oft enttäuschen, sobald sie in den Index aufgestiegen sind, hat auch systemische Gründe. Denn um in den Dax aufgenommen zu werden, müssen Unternehmen eine große frei handelbare Marktkapitalisierung haben. Sie ergibt sich, wenn man den Aktienkurs mit der Zahl der handelbaren Aktien multipliziert. Zweitens muss die betreffende Aktie rege gehandelt werden. Beides ist typischerweise dann der Fall, wenn eine Aktie stark gestiegen ist. Beispiel Wirecard: Der Kurs hat sich in den vergangenen fünf Jahren knapp verachtfacht. Nur deswegen konnte aus dem einstigen Börsen-Schmuddelkind ein Dax-Unternehmen werden.

Nur lassen sich solche extremen Kursanstiege nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Irgendwann normalisieren sich die Wachstumsschübe wieder. Viele Dax-Aufsteiger können ihre Kurszuwächse im Index daher nicht mehr fortsetzen. Die gleiche Logik wirkt auch in die andere Richtung: Bevor ein Unternehmen den Dax verlässt, geht dem oft ein langer Niedergang voraus.
Der Kurs der Commerzbank etwa liegt heute 97 Prozent unter dem Niveau vom Frühjahr 2000. Oft erleben Unternehmen die Krisen noch als Dax-Mitglied, eine etwaige Erholung gibt es dann aber erst, wenn sie den Index verlassen haben. So lief es etwa bei Continental, Infineon oder auch Lanxess. Daraus zu folgern, dass es nun auch mit dem Kurs der Commerzbank wieder aufwärtsgeht, wäre allerdings verfrüht. Die Hypo Real Estate, Dax-Absteiger aus dem Dezember 2008, blieb auch nach dem Abstieg ein Anlage-Desaster.  Wie unterschiedlich sich die Kurse der Dax-Auf- und Absteiger in den vergangenen zehn Jahre entwickelt haben, zeigt unsere Chartgalerie (oben).