Riedls Dax-Radar

Gefährliche Schlagseite am Aktienmarkt

von Anton Riedl

Kurssturz bei Continental und Bayer – immer mehr Dax-Aktien brechen weg, der Gesamtmarkt wird schwächer. Spätestens bei 11.700 Punkten sollte der Dax wieder drehen. Mit Hilfe robuster US-Börsen ist das möglich.

Bayer-Aktien sind kurstechnisch schwer angeschlagen

Quelle: imago

Die Übernahme des Agrarchemikers Monsanto wird für Bayer immer mehr zu einem Risiko. Auf den ersten Blick sieht es zwar gut aus, wenn Bayer dank der Zahlen von Monsanto einen deutlichen Umsatzzuwachs in diesem Jahr auf womöglich 39 Milliarden Euro schaffen wird. In den nächsten Jahren, wenn Monsanto von Bayer vollständig konsolidiert wird, dürfte der Umsatz dann auf 45 Milliarden und 50 Milliarden Euro klettern. Das ist ein echter Wachstumsschub für die Leverkusener. Doch auf der Gewinnseite lauern Risiken. 

Bayer: Probleme auch im Kerngeschäft 

Selbst im Kerngeschäft Pharma kommt Bayer nicht so voran, wie erhofft. Ausgerechnet beim wichtigsten Medikament, dem Gerinnungshemmer Xarelto, nehmen die Klagen zu. Auch bei anderen Präparaten gibt es juristischen Gegenwind; und vor allem natürlich bei Monsanto mit seinem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat.

Besonders hohe Rückstellungen hat Bayer für Rechtsrisiken nicht gebildet. Letztmals ausgewiesen wurden im Geschäftsbericht 2017 dafür explizit 393 Millionen Euro. Sollten die juristischen Auseinandersetzungen, die Bayer ins Haus stehen, nicht gut verlaufen, dürfte dies nicht ausreichen. Und selbst wenn der Chemieriese mit einem blauen Auge davonkommen sollte, dürfte zum einen dafür ebenfalls Geld fließen, zum anderen wird die Phase der Unsicherheit über die Höhe der gesamten finanziellen Belastung viele Monate, wenn nicht sogar Jahre anhalten. 

Es verwundert nicht, dass Bayer-Aktien kurstechnisch schwer angeschlagen sind. Seitdem die Notierungen vor kurzem unter 90 Euro gerauscht sind, haben sie ein langfristiges Verkaufssignal gegeben. Gut möglich, dass sich der Kurs mittelfristig erst wieder im Bereich um 60 Euro einpendelt. Dann hätte Bayer etwa eine eineinhalbfache Umsatzbewertung; angesichts der Risiken ein durchaus fairer Preis. Mit 70 Milliarden Euro Börsenwert gehört Bayer immer noch zu den fünf wichtigsten Werten im Dax, dürfte also in den nächsten Monaten eine Belastung für den Gesamtmarkt bleiben. 

Continental mutiert zum Krisenfall 

Eine schwere Enttäuschung ist Continental. Mit 30 Milliarden Euro zwar nur ein Mittelgewicht; aber schön ist es nicht für den Gesamtmarkt, wenn ein einstmaliger Hoffnungsträger binnen Wochen zum mutmaßlichen Krisenfall mutiert. Anders können Anleger es wohl nicht interpretieren, wenn selbst der Conti-Chef von einer ernsten geschäftlichen Lage spricht. 

Wie ein Stein sackte Conti in wenigen Monaten von 250 auf 150 Euro – in einem Gesamtmarkt, der weitgehend auf der Stelle trat. Wenn es zu einem so massiven Kursverlust kommt, ist das nicht nur auf die schwierige Lage der Autobranche und ihrer Satelliten zurückzuführen. Bei Conti wiegt das umso schwerer, da die Kombination aus rentablem Reifengeschäft und moderner, auf autonomes Fahren und E-Mobilität ausgerichteter Technik an der Börse eigentlich honoriert werden sollte. Zudem ist Conti durch sein Produktspektrum nicht besonders von der Dieselproblematik betroffen. 

Noch immer haben Conti-Aktien eine Chance, sich im Bereich 140 bis 160 Euro zu stabilisieren. Dafür aber dürfen in den nächsten Wochen keine weiteren Probleme ans Licht kommen und die zurückgenommenen Prognosen müssen gut eingehalten werden. 

Autos, Versorger, Banken, Stahl – die Pulverisierung deutscher Paradebranchen

Bayer und Conti, Pharma/Chemie und Autozulieferung, sind zwei Beispiele, wie große Konzerne in einem guten Umfeld (niedrige Zinsen, moderates Konjunkturwachstum) in eine schwierige Lage geraten. In den vergangenen Jahren mehren sich im Dax solche Grundsatzprobleme: 

Die Versorger RWE und E.On wurden von der Energiewende voll erwischt, verloren an der Börse gemeinsam einen dreistelligen Milliardenbetrag und arbeiten nach mehrjähriger Baisse nun schrittweise an ihrem Comeback. Aktuell ist dabei RWE etwas erfolgreicher, die Aktie gehört derzeit zu den wenigen, krisenresistenten Werten. Kurzfristig besteht hier eine stabile Basis um 20 bis 21 Euro. 

Nahezu pulverisiert haben sich die Banken, die Deutsche Bank und die Commerzbank, die nun aus dem Dax absteigt – pünktlich zehn Jahre nach der Finanzkrise. Damals wurde die Cobank mit vielen Steuermilliarden gerettet und ist seitdem immer noch nicht aus dem Sumpf gekommen. Der Niedergang der Deutschen Bank und der Commerzbank ist umso trauriger, da in der gleichen Zeit die amerikanischen, französischen und britischen Großbanken einen enormen Wiederaufstieg geschafft haben. Goldman Sachs hat in den zehn Jahren seit der Finanzkrise netto insgesamt 82 Milliarden Dollar verdient. JP Morgan Chase wuchs zur größten und wohl stärksten Bank der Welt heran und arbeitet mit Nachdruck an einer milliardenschweren, digitalen Offensive. 

Mit Thyssenkrupp siecht der letzte Stahlkonzern im Dax nur noch dahin. An der Börse ist er derzeit nicht einmal mehr für eine Aufteilungsspekulation gut genug. Jüngste Kurse unter 20 Euro bestätigen den Abwärtstrend. 

Wichtigste Gewinnerbranche im Dax, und damit essentielle Stütze für den Aktienmarkt hierzulande, sind die Technologiewerte. SAP ist als eines der wenigen globalen Top-Unternehmen deutscher Provenienz zurecht die Nummer eins im Dax. Allerdings ist der Börsenwert von gut 120 Milliarden Euro gemessen am Geschäftsvolumen mittlerweile ziemlich arriviert. Wenn SAP langfristig eine Bewertung von mehreren hundert Milliarden Euro anpeilt, wird dies nur gerechtfertigt sein, wenn auch das Geschäft noch erheblich weiterwächst. Selbst wenn SAP dabei ähnlich erfolgreich ist wie bisher, wird dieser Prozess Jahre dauern. 

Obwohl SAP substanziell im Aufwärtstrend ist, kann die Aktie erst einmal eine Pause einlegen. Dreimal in den vergangenen drei Monaten ist SAP bis auf 105 Euro vorgedrungen; dreimal ist der Kurs von diesem Niveau abgeprallt, zuletzt mit deutlicher Abwärtsdynamik. Im kurzfristigen Marktgeschehen besteht nun das Risiko, dass die andere Seite der jüngsten Schwankungen ausgetestet wird – die Untergrenze um 95 Euro. Spätestens hier sollten dann langfristige Käufer wiederkommen. 

Ähnlich ist die Situation beim zweiten Technik-Highflyer, der Infineon-Aktie. Seit fast einem Jahr pendelt die Aktie zwischen knapp 21 Euro und gut 25 Euro. Aktuell ist sie eine Handbreit durch die untere Grenze gerutscht. Negativ wäre es, wenn sich hier – ähnlich wie bei Continental – ein Auto-Malus entwickeln sollte: Wenn aus einem Gewinner der neuen E-Mobilität und des autonomen Fahrens, der Infineon mit seinen hier führenden Chips ist, auf einmal eine Enttäuschung wird. Noch ist es nicht soweit, doch die jüngste Kursschwäche von Infineon ist ein Warnsignal, das eine mehrwöchige Korrekturphase einleiten könnte. 

Kommt es im Dax nun zur großen Abwärtswende? 

Wenn im Dax eine Branche nach der anderen wegrutscht, ist es kein Wunder, dass der Gesamtmarkt abdreht. Die Hoffnung, dass der Dax im Bereich um 12.200 Punkte hält und sich von da aus erholt, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Der Index ist, gemessen am Tagesschluss, deutlich unter das Niveau der Tiefpunkte von Juni und August gerutscht, die bei 12.160 Punkten lagen.

Zudem hat der Dax bei seiner müden Erholung Ende August weder die Durchschnittslinie der vergangenen 100 Tage noch die der vergangenen 200 Tage erreicht. Beide Durchschnittslinien drehen seit einigen Tagen ebenfalls nach unten. 

Nachdem aktuell (am 7. September, mittags) der Dax deutlich unter die 12.000er-Marke gerutscht ist, hat sich das Gesamtbild weiter eingetrübt. Die nächste Auffangzone liegt im Bereich um 11.700 Punkte. Angesichts der aktuellen Abwärtsdynamik ist es gut möglich, dass der Dax erst einmal bis dahin nachgibt.

Spätestens dann sollten sich wieder die US-Märkte als Stütze erweisen. Denn hier stimmt der große Trend nach wie vor. Die weltweit wichtigste Börsenkurve, der Dow Jones, verläuft derzeit vier Prozent oberhalb ihrer steigenden 200-Tage-Linie. Konjunktur und Zinsaussichten in den USA sind intakt, die Folgen der Zollpolitik sollten an der Börse nur eine vorübergehende Belastung sein. Die große Zahl der sehr robusten Einzelwerte im Dow Jones (Apple, Microsoft, Pfizer, Home Depot, United Health, Visa, American Express, Boeing, Cisco, Merck & Co) spricht dafür, dass die generelle Aufwärtstendenz an den US-Börsen anhält. Und dann dürfte auch der Dax trotz Schlagseite nicht ins Leere fallen.