Motivation und Antrieb

„Unternehmer sollten sich ihren Gott gut aussuchen“

von Christopher Schwarz

Müssen Unternehmer besessen, kreativ, beides oder keines davon sein? Der Wirtschaftsethiker Nils Ole Oermann über unternehmerische Kreativität, Künstler-Wahnsinn und den unbedingten Willen zum Erfolg.

Unternehmer müssen kreativ sein, findet Nils Ole Oermann.

Quelle: imago

Herr Professor Oermann, müssen Unternehmer zwingend besessen sein?
Unternehmer müssen jedenfalls eines: kreativ sein. Im Kreativen lebt ihr Gott. Ganz im Sinne Luthers: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott! Mein Rat an die Unternehmer wäre allerdings, sich ihren Gott gut auszusuchen: Dionysos vermittelt steile Höhenflüge, aber meist geht unterwegs der Treibstoff aus. Apollon, der Gott der Klarheit, der mit dem Bogen auch auf große Entfernungen Treffende wie Heilende, scheint da die bessere Wahl. Oder weniger mythologisch: Erwartet wird von einem guten Unternehmer eine klare Geschäftsidee, weitsichtige Planung, brillantes Marketing. Rückschläge werden bandagiert oder vernäht und geschient. Ansonsten gilt: volle Konzentration auf den Geschäftserfolg, bis auch der Rest der Welt begriffen hat, dass er das Angebotene braucht. 

Zu Zeiten von Alfried Krupp oder Robert Bosch dominierten Begriffe wie Fleiß, Selbsterziehung und Maßhalten. Wie erklären Sie sich dieses Umdenken?
Es hat da niemand „umgedacht“. Die Zeiten sind andere, und da sind es die Selbstverständnisse natürlich auch. Krupp und Bosch lebten in einer Zeit der Realien, des Handfesten, des Glaubens daran, dass sich die Menschheit Schritt für Schritt und Kolbenstoß für Kolbenstoß aus den Niederungen hochhebeln würde in ein technisches Paradies. Der Glaube ist mehrfach widerlegt worden, zuerst im Ersten Weltkrieg, und danach noch viel zu oft.

Und heute?
Heute leben wir in einer Zeit der Irrealien, des Virtuellen, der Verflüssigung aller Gewissheiten. Niemand glaubt mehr an die Alles-gut-Lösung. Niemand glaubt mehr, dass er als Unternehmer eine Dynastie von sieben mal sieben Generationen auf den Weg bringt. Und alle wissen, dass Selbstdisziplin hilft, dass aber der Geschäftserfolg nicht nach dem Maß der Selbstdisziplin zugeteilt wird. Also leben erfolgreiche Unternehmer meist die alten Tugenden, aber ohne Heilserwartung. Das kann man als die professionellere Haltung ansehen, aber es hat auch etwas von spiritueller Verarmung, denn die Alten glaubten ja an ihr Ethos.

Hat sich mit der Entwicklung des Kapitalismus auch das Bild des Unternehmers gewandelt, in Richtung eines bis zum Äußersten angespannten und sich verausgabenden Antreibers? Hat sich der Kapitalismus gewandelt?
Nun, italienische Bankiers des 15. Jahrhunderts fänden sich heute vermutlich nach kurzer Eingewöhnungszeit gut zurecht – jedenfalls besser als viele der krisengebeutelten Banker des 21. Jahrhunderts. Aus deutscher Sicht: Ist unser heutiges Bild vom Unternehmer das eines angespannten Antreibers? Eher wird doch der kumpelnde „Meine Mitarbeiter sind mein wichtigstes Kapital“-Therapeut goutiert und plakatiert, auch von Unternehmerseite, auch von denen, die in Wahrheit wirklich nichts als die Peitsche schwingen. Mein Bild des guten Unternehmers: Er hat einen Plan, er will etwas, das ihm gut erscheint, er arbeitet mit Hingabe daran und weiß auch zu schätzen, was andere dazu beitragen. 

Erleben wir in unserer gesamten Kultur eine Neubewertung der Gefühle als Motoren des Fortschritts? Die berühmten „animal spirits“?
Das ist auch nur eine Mode, glaube ich. Und wer mit der Zeit geht, ist schnell Witwer. Der Mensch, der normale jedenfalls (darf man eigentlich noch „normaler Mensch“ sagen?), ist doch zusammengebacken aus beidem, aus Sinn und Sinnlichkeit, aus Vernunft und Gefühl, aus „ratio“ und „emotio“. Immer wenn der einen Sphäre das Übergewicht zugesprochen wird im Handeln und Unternehmen – „homo oeconomicus“ oder „animal spirits“ -, immer dann hält sich die Theorie ein Auge zu und glaubt, nun sähe sie aber viel besser. 

Dass Besessenheit etwas sein könnte, das die Welt besser macht - das konnte sich die Tradition von Augustinus bis Adam Smith nicht vorstellen. Woher kommt die traditionelle Abwehr gegenüber starken Gefühlen und Leidenschaften?
Obsessionen im Sinne der platonischen „mania“, vulgo: „Wahnsinn“ des Künstlers (ich denke dabei immer eher an Kinski), sind wie Drogen anregend, aber eben auch oft zerstörerisch. Da wird dann leicht ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt, und dann bleibt man selber oder bleiben andere auf der Strecke. Aber eine gewisse Besessenheit ist oft nötig, um etwas Großes zu schaffen, das verbindet die Kreativen ­– vom Künstler bis zum Unternehmer. Ich erinnere mich an einen Selbstbericht des Schriftstellers Walter Kempowski über seine Arbeit an dem grandiosen Werk „Echolot“. Er habe so viel gearbeitet und arbeiten wollen, sagte er da, dass er, um Zeit zu sparen, sich während des Toilettengangs die Zähne geputzt habe. Das ist schon milde besessen, aber vielleicht hätte er es ja sonst nicht geschafft.

Man muss sich fokussieren können?
Ja, zwischen Besessenheit und Flow – da gibt es eine „grüne Grenze“. Das macht den meisten Leuten ein wenig Angst. Und zu Augustinus und Adam Smith: Augustinus wusste ja nur zu gut, was Besessenheit ist. Er hat lange nach dem Motto gelebt: Lieber Gott, mach' mich keusch und fromm, aber bitte nicht gleich. Und Adam Smith hat eine Theorie der moralischen Gefühle entwickelt und war ein kühler Spötter, gerade was die Motive von Unternehmern betrifft. Der konnte sich Besessenheit in dem Bereich eigentlich fast nur als kriminelle Energie vorstellen.   

Gibt es eine Art Monomanie, die essenziell zum erfolgreichen Unternehmer gehört?
Ja: Das Produkt verbessern. Die Abläufe verbessern. Den Konkurrenten schluchzen lassen. Die Kunden glücklich machen. Heute immer öfter auch: Die Welt wieder grüner machen, vielfältiger, und das menschliche Produktions- und Konsummodell nachhaltig - bei eigenen schwarzen Zahlen. Solche Interessen können monomanisch werden, das heißt: man interessiert sich dann für anderes nicht mehr, zum Beispiel für eine echte sportliche Aufarbeitung der Fußball-WM 2018 durch den DFB.

Verbindet sich diese Monomanie bei den Aposteln des digitalen Kapitalismus mit einer fanatischen Technikgläubigkeit, die an die Grenzen des Möglichen und über sie hinaus geht?
Die Grenzen des Möglichen kennen wir alle nicht. Wer von den Digitalen sagt: Wir werden ewig leben und laden unsere Persönlichkeit später auf ein schwimm- und flugfähiges Auto mit Allradantrieb herunter, der ist aus der Pubertät nicht herausgekommen, was aber natürlich sympathisch sein kann. Die Technik wird noch viele Lösungen bringen - erlösen wird sie uns nicht. Die Kant‘schen Fragen bleiben: Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Die müssen wir selber beantworten, die Antwort darauf ist jedenfalls nicht „42“ wie bei „Per Anhalter durch die Galaxis“. 

Steckt hinter dieser Besessenheit womöglich der Traum vom Übermenschen, der sich selber zum Schöpfergott macht?
Das lässt sich nur von Fall zu Fall sagen. Manche halten den Homo Deus für eine wahrscheinliche Entwicklung, ohne sich an der Vorstellung zu berauschen. Andere haben keine Ahnung, fühlen sich aber schon so - das sind dann eher die pathologischen Fälle.

Ein klassischer Fall von Hybris, die sich wunderbar mit Besessenheit verträgt?
Da fielen mir vor allem Beispiele aus der Politik ein. 

Der Springer-Chef Mathias Döpfner hat Steve Jobs als einen Unternehmer beschrieben, den man eher als besessenen Künstler denn als klassischen Kapitalisten verstehen müsse - eine Stilisierung oder eine treffende Charakterisierung des Unternehmer-Genies? 
Steve Jobs und seine Designer (mit Verbeugung in Richtung Braun) und Techniker haben den Menschen etwas gegeben, das überraschend neu und schön und nützlich war, anmutig geradezu, und verblüffend. Sie haben eine Plattform geschaffen für Ideen und Anwendungen - das Telefon als Taschenlampe, als Taschenspiegel, als Taschenklavier, und und und… Vermutlich war Steve Jobs beides, ein genialer Künstler und ein exzellenter Unternehmer. Er hat die künstlerische und unternehmerische Gewinnformel schlechthin verwirklicht: Ich mache Euch glücklich, und Ihr macht mich reich.