Maschinenbauer Trumpf

„Die Digitalisierung verändert jeden Job in unserem Unternehmen“

Interview von Lin Freitag

Trumpf-Personalchef Oliver Maassen erwartet, dass jeder seiner Mitarbeiter in den nächsten zehn Jahren den Job wechseln wird. Warum das kein Grund zur Panik ist und er die 70-20-10-Regel nutzt, erklärt er im Interview.

Der Mensch wird auch bei hohem Automatisierungsgrad noch gebraucht: Ein Trumpf-Mitarbeiter saugt Metallpulver von einem im 3D Druck gefertigten Bauteil.

Quelle: dpa

Herr Maassen, was sind die großen Veränderungstreiber in der Arbeitswelt?
Die drei großen Ds: Digitalisierung, Demografie und Determinierung. Unter der Digitalisierung verstehe ich insbesondere eine grundlegende Technologieaffinität. Bei der Demografie sind es die verschiedenen Generationen, die mittlerweile im Job aufeinandertreffen. Früher arbeiteten zweieinhalb Generationen in einem Unternehmen, heute sind es zusammen mit den Generationen Y und Z gefühlt vier. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. Das Problem dabei ist nur, dass wir uns schon viel zu lange darüber beschweren – auch als es noch gar nicht so dramatisch war. Jetzt spüren wir den Fachkräftemangel wirklich, und alle sind von dem Thema genervt.

Und was verstehen Sie unter Determinierung?
Die veränderte Anspruchshaltung. Junge Mitarbeiter ticken einfach anders als meine Generation. Ich wurde zum Beispiel neulich erst von jemandem aus meinem Team angesprochen, warum ich manchmal noch so komisch gucken würde, wenn es um mobiles Arbeiten geht. Leider schaue ich wirklich manchmal noch komisch. Ich bin in der Zeit des Präsentismus aufgewachsen – wer nicht lange im Büro hockt, arbeitet auch nicht. Doch die Welt hat sich glücklicherweise geändert und wir müssen neue Wege der Zusammenarbeit finden. Zudem werden Unternehmen demokratischer, die Mitarbeiter fordern zu recht mehr Teilhabe. 

Trumpf ist ein Technologieunternehmen, in dem sich gerade viele Berufsbilder verändern. Leben Ihre Mitarbeiter eigentlich in ständiger Angst?
Ich bin bestürzt über die Angstmalerei, die derzeit überall kursiert – vielleicht auch ein sehr deutsches Phänomen. Glücklicherweise ist das in unserem Unternehmen anders. Wir haben erst vor kurzem eine große Befragung unter den Mitarbeitern gestartet. Dabei wurde auch die grundsätzliche Einstellung gegenüber der Digitalisierung abgefragt. Heraus kam, dass sie von unseren Mitarbeitern als etwas Positives wahrgenommen wird.

Das gilt sicherlich für die Tüftler und Denker in ihrem Unternehmen – aber trifft das auch auf den Produktionsmitarbeiter zu?
Sie haben Recht, in der Entwicklung war die Zustimmung am größten. Aber die Produktion folgte nur ganz knapp dahinter.

Also alles in bester Ordnung?
Die Mitarbeiter von Trumpf sind sehr stolz, hier zu arbeiten. Wir haben aber auch das Feedback von den Mitarbeitern bekommen, dass wir künftig noch mehr erklären müssen. Strategie und Ziele werden wir deshalb noch transparenter kommunizieren. Und: Wir müssen unsere Mitarbeiter noch mehr dafür begeistern.

Wie soll das gelingen?
Zum Beispiel, indem wir sie direkt an der Digitalisierung beteiligen. In Chicago steht eine unserer ersten komplett vernetzten Fabriken. Die Mitarbeiter dort erleben bereits jeden Tag, was Digitalisierung im Alltag bedeutet. Nun können wir zwar nicht alle nach Chicago fliegen, aber darüber zu berichten hilft ungemein dabei, Ängste abzubauen.

Welche Berufe, aber auch welche Fähigkeiten, suchen Sie in Zukunft vermehrt?
Ich glaube, dass sich die Profile gar nicht so stark ändern werden. Aber die Tätigkeiten werden komplett anders gewichtet. Händische Tätigkeiten wie beispielsweise Teile im Lager zusammensuchen werden weiter abnehmen und alles, was digital und vernetzt ist, wird zunehmen. Bestimmt kommen aber auch Berufe hinzu, für die wir heute noch gar keinen Namen haben.

Wie viele Mitarbeiter von Trumpf werden in zehn Jahren einen komplett anderen Job haben?
Ich hoffe alle. Die Digitalisierung verändert jeden Job in unserem Unternehmen. Bei den einen werden vielleicht nur neue Aufgaben hinzukommen und dafür Routine-Tätigkeiten wegfallen. Andere werden ihren Job wechseln, weil sie sich in einem anderen Bereich vielleicht besser aufgehoben fühlen.

Und andere werden gehen müssen?
Bei Trumpf setzen wir auf Beschäftigungssicherung und wir wachsen enorm, auch was die Mitarbeiterzahl angeht. Wir wollen unsere Leute auch in zehn und mehr Jahren noch an Bord haben. Aber die Digitalisierung erfordert neue Fähigkeiten. Es ist unser Job, die Mitarbeiter damit auszustatten. Beispielsweise arbeiten wir seit einem Jahr an innovativen Lernformaten. Wir bauen etwa eine eigene Plattform auf. Dort finden sich verschiedene MOOCs und Videos zu bestimmten Produkten oder auch neuen Denkweisen wie der Scrum-Methode. Wir haben aber auch Formate wie den „Fireside Chat“ eingeführt, bei dem Trumpf-Mitarbeiter mit besonders spannenden Aufgaben aus ihrem Berufsalltag erzählen. Und dann setzen wir in einigen Bereichen auf agiles Arbeiten.

Wie sieht das aus?
Beispielsweise fand sich unlängst ein Team aus 20 Kollegen und sechs Fachfunktionen zu einer kleinen Startup-Insel innerhalb des Unternehmens zusammen. Es verinnerlichte schnell neue Methoden aus Design Thinking- und Agile-Ansätzen und durfte eigenverantwortlich entscheiden.

Lässt sich ein Mitarbeiter, der viele Jahre mit einer Maschine gearbeitet hat, zum Experten für digitale Vernetzung umschulen?
Wir arbeiten nach der 70-20-10-Regel. 70 Prozent der neuen Aufgaben werden am Arbeitsplatz geschult. Auch wenn das Flipchart gegen ein iPad ausgetauscht wird, ist das schon der erste Schritt in Richtung Digitalisierung. Hinzu kommen 20 Prozent, die sich im unmittelbaren Umfeld des Jobs befinden. In der Kaffeepause kann sich der Mitarbeiter etwa Lernvideos auf dem Tablet anschauen. Die letzten zehn Prozent sind das klassische Training in einem Seminarraum.

Welche persönlichen Eigenschaften werden in Zukunft denn unersetzlich?
Wir achten sehr darauf, offene, neugierige und technologieaffine Mitarbeiter einzustellen. Dabei sind uns Haltung und Grundeinstellung ebenso wichtig, wie die richtigen Kompetenzen. Das ist auch keine Frage des Alters. Wir haben Mitarbeiter, die zwei Monate vor der Rente noch etwas wirklich Neues lernen wollen.