„Die Halbwertszeit von CEOs sinkt drastisch“

Warum so viele deutsche Vorstandschefs gehen

von Dominik Reintjes

Die Vorstandschefs deutscher Unternehmen werden im Schnitt öfter ausgewechselt und haben kürzere Amtszeiten als ihre internationalen Kollegen. Eine aktuelle Studie zeigt die Ursachen.

Deutsche CEOs sind im Schnitt nur etwas mehr als fünf Jahre im Amt und müssen ihren Posten schneller räumen als ihre Amtskollegen in anderen Ländern.

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In den Chefetagen von Deutschlands Konzernen gab es zuletzt ein kräftiges Stühlerücken: 24 der 150 größten deutschen Unternehmen wechselten im vergangenen Jahr den Vorstandsvorsitzenden aus. Damit ist die Wechselquote an der Unternehmensspitze im internationalen Vergleich sogar besonders hoch.

Das zeigt die „CEO Success Studie 2017“ von Strategy&, einer Strategieberatung aus dem Netzwerk der Unternehmensberatung PWC.

Rund jeder vierte CEO in Deutschland wird vorzeitig ausgetauscht. Damit finden hierzulande mit die meisten frühzeitigen Entlassungen statt. Dafür gibt es auch in diesem Jahr bereits Beispiele: Matthias Müller machte im April nach nur drei Jahren an der Spitze von Volkswagen Platz für Herbert Diess. Robert Hienz wurde ebenfalls nach nur drei Jahren als Chef von Eon Energie Deutschland ausgetauscht.

Für diese frühzeitigen Entlassungen gibt es verschiedene Gründe:

  • Jeder zehnte Chefwechsel in Deutschland beruht auf schlechten finanziellen Ergebnissen des Unternehmens. So auch die Ablösung von John Cryan als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank im April 2018.
  • Differenzen mit dem Aufsichtsrat können ebenso zur Entlassung führen, das musste der ehemalige Lidl-Chef Sven Seidel erfahren. Seidel soll einen anderen Plan für die Zukunft des Discounters gehabt haben als Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Gehrig
  • Im vergangenen Jahr musste kein deutscher CEO wegen ethischen Verfehlungen – also wegen Betrugs, Bestechung oder anderen kriminellen Handlungen – seinen Posten räumen. 2018 sieht das schon anders aus, bereits zwei DAX-Konzerne zeigen das: Carsten Kengeter wurde Anfang des Jahres als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse wegen des Verdachts auf Insiderhandel abgelöst. Seit Juni 2018 sitzt Audi-CEO Rupert Stadler in Untersuchungshaft. Er ist seitdem beurlaubt.

Durch die überdurchschnittlich vielen frühzeitigen Wechsel sind auch die Amtszeiten deutscher CEOs kürzer als im internationalen Vergleich: 2016 waren die Vorstandsvorsitzenden der 150 größten Unternehmen aus Deutschland im Schnitt 8,4 Jahre im Amt – ein vergleichsweise stabiler Wert. Im vergangenen Jahr saß ein deutscher CEO durchschnittlich nur 5,1 Jahre auf dem Chefsessel. „Die Halbwertszeit von CEOs in Deutschland sinkt drastisch“, sagt Peter Gassmann, Europachef von Strategy&. Zum Vergleich: Das internationale Mittel liegt bei 7 Jahren.

„Das regelmäßige Stühlerücken hierzulande ist auch auf immer kurzfristiger zu erreichende Ziele sowie eine geringere Fehlertoleranz der Aufsichtsgremien und Eigentümer zurückzuführen“, erklärt Gassmann. Gerade aktivistische Investoren, die in Deutschland seit zwei Jahren verstärkt auftreten, würden bei schlechten finanziellen Ergebnissen häufiger öffentlichen Druck auf das Unternehmen aufbauen und CEO-Wechsel forcieren.

Die hohe Fluktuationsquote auf dem Chefposten in Deutschland ist nicht die einzige Auffälligkeit im internationalen Vergleich. Im vergangenen Jahr wurde nur eine einzige Frau zur Geschäftsführerin von einem der beobachteten Unternehmen ernannt: Am 1. Januar 2017 übernahm Angela Titzrath die Leitung der Hamburger Hafen und Logistik AG. Deutschland liegt damit deutlich hinter anderen Wirtschaftsnationen wie den USA oder Kanada. Hier waren im vergangenen Jahr 9,2 Prozent der neuen CEOs Frauen.

Peter Gassmann findet das beschämend. „Im nordamerikanischen Raum arbeiten Unternehmen schon seit Jahrzehnten konsequent an diesem Thema. Bereits 1934 berief Coca-Cola eine Frau in den Vorstand und hat bis heute wie andere große Firmen einen Frauenanteil von über 30 Prozent im Vorstand erreicht“, sagt Gassmann. Prominente Beispiele weiblicher Führungskräfte in den USA sind Mary Barra, CEO von General Motors und Virginia Rometty, CEO von IBM.

Zwar sind die Spitzenposten der Unternehmen im deutschsprachigen Raum - also in Deutschland, Österreich und der Schweiz - nicht besonders weiblich besetzt, dafür aber international: 32 Prozent der neuen Geschäftsführer kamen 2017 aus einem anderen Land als das Unternehmen, das sie leiten – das ist globaler Spitzenwert.

Die Geschäftsführer im deutschsprachigen Raum besitzen außerdem eine hohe internationale Erfahrung. Mehr als die Hälfte der neubenannten CEOs hat bereits in anderen Regionen gearbeitet. Gute Aussichten auf den Chefposten haben aber vor allem diejenigen Kandidaten, die bereits im eigenen Unternehmen gearbeitet haben. 78 Prozent der neuen Geschäftsführer im deutschsprachigen Raum haben sich im vergangenen Jahr innerhalb des Unternehmens bis an die Spitze hochgearbeitet.