WiWo-Ranking

So wurde Birkenstock ein „wertvoller Arbeitgeber“

Die Korksandale gehört schon fast zum deutschen Kulturgut. Obwohl nie ganz aus der Mode, war Birkenstock als Arbeitgeber lange Zeit kein Vorzeigeunternehmen. Das hat sich geändert.

Das Unternehmen hat sich gerade noch rechtzeitig modernisiert, um vom Modetrend profitieren zu können. Jetzt sieht man die Schlappen sogar auf roten Teppichen.

Quelle: imago

Das Unternehmen Birkenstock hat eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Nicht nur, dass die einst als Gesundheitslatschen verspotteten Korksandalen heute in Lackleder und allen möglichen Designs auch in konservativen Büros als Teil eines Sommeroutfits akzeptiert sind. Auch die Mitarbeiter erlebten in den vergangenen zwanzig Jahren eine turbulente Zeit – und finden sich heute in einem gewandelten Unternehmen wieder, das nun sogar im WirtschaftsWoche-Ranking „Wertvolle Arbeitgeber für die Region“ im Landkreis Neuwied in Rheinland-Pfalz auf Platz drei landet. In dieser Woche stellen wir die Ergebnisse für die Region West vor, dazu zählen neben Rheinland-Pfalz das Saarland und Nordrhein-Westfalen.

Birkenstock ist zwar nur eines von mehr als 2500 Unternehmen im Westen, die zur Abstimmung standen. Trotzdem fällt die Positionierung angesichts der Entwicklung ins Auge.

Mitte der Neunzigerjahre fochten die damaligen Firmenchefs ohne Not einen verlustreichen Kampf gegen die Teile der Belegschaft aus, die einen Betriebsrat gründen wollten. Die Führung nahm in Kauf, dafür später zu hohen Geldstrafen und Abfindungszahlungen verurteilt zu werden. Heute zählt das Unternehmen zu den größten Schuhherstellern Deutschlands und verkauft die heißbegehrten Schlappen millionenfach in alle Welt. In diesem Jahr erwartet man einen Absatz von 25 Millionen Paar Schuhen, was nahezu eine Verdopplung innerhalb von fünf Jahren bedeutet.

Heute steht Birkenstock ein CEO vor, der sich in Interviews als „Fan von flexiblen Arbeitszeiten“ outet: „Bei mir muss keiner im Büro seine Zeit absitzen. Mir ist wichtig, dass die Arbeit gemacht ist; wer nach fünf oder sechs Stunden schon mit seinen Aufgaben durch ist, weil er konzentriert und wach gearbeitet hat, soll gerne nach Hause fahren, mit seinen Kindern spielen oder zum Sport gehen“, sagte Oliver Reichert vergangene Woche dem Handelsblatt.

Dieser Satz zeigt exemplarisch, was für eine Entwicklung sich vollzogen haben muss in dem bis 2013 von der gleichnamigen Familie geführten Unternehmen, das nie wirtschaftliche Probleme hatte, aber lange unter seinen Möglichkeiten blieb. Zwar bewerten bei dieser Umfrage vor allem Außenstehende die Unternehmen mit Hinblick auf deren Wert fürs Gemeinwohl in der Region. Im Zweifelsfall könnten also auch besonders viele Sandalen-Sonderangebote am Ort für eine positive Bewertung sorgen. Doch hinter einem solchen Imagewandel muss mehr stecken.

De facto ist Birkenstock heute auch für die, die dort arbeiten, ein moderner Arbeitgeber. Michaela Falk-Wagner, langjährige Betriebsratschefin und seit April Mitglied im neugegründeten Aufsichtsrat der Birkenstock Productions RLP GmbH, bestätigt, dass die von höchster Stelle proklamierten flexiblen Arbeitszeiten zumindest in der Verwaltung kein Aufmerksamkeit heischendes Gerede, sondern gelebter Arbeitsalltag sind. „Seit Oktober 2017 haben wir eine Vertrauensarbeitszeit. Wer seine Aufgaben erledigt, kann tatsächlich früher gehen. Das erleichtert zum Beispiel die Freizeitgestaltung und sorgt für mehr Zufriedenheit“, sagt Falk-Wagner.

Die Wende hatte 2013 ein Wechsel in der Führungsspitze gebracht. Laut Falk-Wagner war damals praktisch kein Vertrauen der Belegschaft in die Konzernführung mehr vorhanden. Ängste gingen um, dass die neuen Produktionsstandorte im Osten die Schließung der Werke im Westen vorbereiteten. Der einstige TV-Manager Oliver Reichert übernahm damals als erstes Nicht-Familienmitglied das Unternehmen in einer Doppelspitze mit dem langjährigen Mitarbeiter Markus Bensberg, während sich Seniorchef Karl Birkenstock und seine drei widerstreitenden Söhne Alex, Christian und Stephan aus dem operativen Geschäft zurückzogen.

Die wertvollsten Arbeitgeber für das Gemeinwohl in der Region West.

Der Führungswechsel war für Michaela Falk-Wagner nicht allein die Wende, aber ein bedeutender Teil von ihr. „Es war alles zusammen: Die neue Führung, die Eröffnung der neuen Standorte im Osten – ohne dass die alten geschlossen wurden – und die Einführung der Betriebsräte“, sagt die Betriebsratschefin. In diesem Jahr nahm auch ein Betriebsrat im sächsischen Bernstadt seine Arbeit auf. Noch ohne Mitarbeitervertretung ist jetzt noch der Standort Görlitz. „Aber das ist nur eine Frage der Zeit“, ist Falk-Wagner zuversichtlich.

Unternehmenssprecher Jochen Gutzy betont, das heutige Unternehmen Birkenstock habe mit dem früheren nur noch die Produkte und den Namen gemein. Von den alten Geschichten will er eigentlich nichts mehr hören, die Vergangenheit sei aufgearbeitet. „Wir haben hier im Wortsinn jeden Stein umgedreht“, sagt er, der 2012 am Unternehmenssitz als Sprecher anfing. Er persönlich erlebe eine „aufregendes Arbeitsumfeld“. „Es hat sich ein extremer Wandel vollzogen. Auf der einen Seite haben wir eine Tradition von zweieinhalb Jahrhunderten, auf der anderen Seite hat sich in den vergangenen Jahren der Spirit eines Startups ausgebreitet. Kein Tag ist wie der andere – aber das hohe Tempo muss man auch aushalten können“, schwärmt Gutzy. In Sachen Mitbestimmung und Lohngerechtigkeit sei man heute ganz anders aufgestellt als früher.

Der Entwicklung des Unternehmens sei auch die Mode zupassgekommen: Die Nachfrage nach flachen Schuhen, gestiegenes Gesundheitsbewusstsein sowie der Retrotrend führten in Kombination mit der Umstrukturierung und Produktionsausweitung zu einer „Markenexplosion“, wie Gutzy es formuliert. „Das Ende dieses dramatischen Wachstums können wir momentan noch gar nicht sehen“, so der Sprecher.

Für die Produktion bedeutet das Arbeit ohne Ende. Leiharbeiter werden in immer neuen Wellen als feste Mitarbeiter übernommen. Die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich so in den vergangenen Jahren auf 4000.

Auch wenn mancher in den Werken über zu viel Arbeit klagt, sieht Michaela Falk-Wagner in der Entwicklung ganz klar einen Segen und keinen Fluch. „Die gute Situation sorgt dafür, dass die Gesellschafter bereit sind, zu investieren. Seien es Maschinen für die Produktionsstätten, Arbeitskleidung für die Mitarbeiter oder die Vertrauensarbeitszeit“, sagt die Betriebsrätin. Der nächste Schritt in der Mitbestimmung sei nun mit der Beteiligung von Mitarbeitern im Aufsichtsrat getan.

Dass Birkenstock mit dem erst 2015 eröffneten Onlineshop, moderneren Arbeitsbedingungen und zeitgemäßer Unternehmensstruktur – dazu zählt auch die Erweiterung des Portfolios auf Kosmetik und Betten – für eine „globale Marke“ (Gutzy) erst relativ spät in die Puschen kam, scheint inzwischen nahezu ein Trumpf zu sein: Was passt besser zur wieder-gehypten 80er-Jahre-Öko-Sandalette als ein Unternehmen, das eben auch in seinen Strukturen ein bisschen „retro“ ist beziehungsweise vor kurzem noch war?

Zumal die aktuelle Entwicklung angesichts der düsteren Neunzigerjahre heraussticht. Laut Unternehmensangaben produziert Birkenstock zu 95 Prozent in Deutschland, verteilt auf sechs Standorte, davon drei in und um Neuwied. Man setzt auf Nachhaltigkeit und natürliche Produkte, selbst der Klebstoff soll biologisch abbaubar sein. Und so trifft das Korkfußbett made in Germany wohl mehr zufällig als geplant den derzeitigen Konsumentengeist, nicht nur in Deutschland, sondern mittlerweile auch in Asien und den USA.