Werner knallhart

Volle Fitnessstudios: Eroberungskrieg der Gym-Egozentriker

von Marcus Werner

Anders als Mannschaftssport ist Kraftsport Ego-Training. Aber so egozentrisch, wie sich viele Männer im Fitnessstudio benehmen, lässt es einen am Zusammenhalt der Gesellschaft zweifeln.
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„Da bin ich noch dran.“ Ich kann diesen Satz nicht mehr hören.

Ich trainiere im nächstgelegenen „Gym“. (Man sagt jetzt ja Gym, weil man auch „Lunch“ sagt. Das ist einfach kürzer als Fitnessstudio und Mittagessen und damit sprachökonomisch clever. Gönnen wir uns diesen Anglizismus.)

Dieses Gym gehört zur Kette John Reed – Kenner sagen „JR“, hehe. JR ist das Vapiano unter den Fitnessstudios. Kostet nicht viel, ist aber auf urbanen Lifestyle getrimmt. Der gibt den Leuten das Gefühl: Du bist selbst als mittelloser Twen ganz vorne mit dabei.

Aber wenn das vorne ist, dann gute Nacht. Egal ob JR, McFit oder wie die Dinger alle heißen. Es gibt wohl keinen anderen Ort, an dem so viele Leute die Verachtung für ihre Mitmenschen so verschwenderisch ausgießen wie in einem Massen-Gym.

1. Wer grüßt, hat wohl einen an der Klatsche

Cool ist, einen nicht zu beachten. Klar, unter Freunden begrüßt man sich, aber Fremde sind für einander Luft. In der Umkleide geht es los. Da wird es gleich den Moment geben, in dem man Unterhose an Unterhose nebeneinander vor sich hin packt. Aber dennoch (oder vielleicht genau deshalb): Kommt man hinzu, registrieren einen die Leute im Augenwinkel und wenden demonstrativ gleichgültig den Blick ab.

Ich dachte mir in der ersten Zeit: „Naja, Marcus, du kommst hinzu, also grüßt du auch als Erster.“ Aber immer, wenn ich das tat, fühlte es sich an, als würde ich sagen: „Kann mir vielleicht jemand mit einem Euro aushelfen?“ Völlig konsternierte schmallippige, kaum hörbare Gegen-Hallos, in denen mitschwang: Wer bist du, dass du mich hier einfach so grüßt?

Ich grüße trotzdem. Ich zahle hier schließlich auch Beitrag!

Manchmal grüße ich jetzt sogar den, der selber gerade dazukommt und stumm seine Sporttasche auf die Bank in der Umkleide knallt. Sollen mich doch alle für sozial gestört halten.

2. Gewichte wegräumen ist was für Spießer

Das Thema „Gewichte wegräumen“ prägt den Alltag im Gym wie nichts anderes. Es gibt aus Sicht der Mitglieder viele Gründe, die schweren Eisenscheiben einfach dort hängen oder liegen zu lassen, wo man sie benutzt hat:

a. Sie sind zu schwer. Wenn ich mit ihnen bis zur Belastungsgrenze trainiere (soll man ja), kann ich sie logischerweise danach nicht mehr rumschleppen.

b. Meistens werden die Gewichte auch von den Anderen gebraucht. Die freuen sich, wenn die Scheiben dank mir schon dort herumfliegen.

c. Ich darf in der Schule das Handy nicht benutzen und mein großer Bruder nimmt mich heute Abend nicht in seinem neuen Mercedes mit, dann bleiben die Hantelscheiben jetzt, wo sie sind.

Mittlerweile haben einige Studios begriffen, dass Kraftsport etwas für sehr ich-bezogene Menschen ist. Früher hieß es noch: „Liebe Mitglieder, wir bitten Euch, die Gewichte nach Gebrauch wieder zurückzubringen. Vielen Dank für Eure Mithilfe.“

Dann versuchten es einige mit Charme und Humor: „Immer wenn du deine Gewichte nicht wieder an den Ständer hängst, schreibt Justin Bieber einen neuen Song.“

Es half alles nichts. JR schätzt seine Klientel jetzt anders ein. Dort steht seit kurzem in großen Buchstaben auf den Spiegeln, in denen sich die Muskelmänner früher selber zuzwinkern konnten, auf Augenhöhe: BRING DEINE GEWICHTE ZURÜCK.

3. „Ey, ich bin da noch dran!“

Die folgenden Gym-Egozentriker wären für mich der beste Grund aufzugeben und mich stattdessen mit einem Glas Rotwein vor Netflix zu werfen.

Ein Beispiel aus der vergangenen Woche: Gerade versuche ich, nach Leibeskräften per Zug am Seil meinem linken Trizeps mehr Volumen aufzuzwingen, da kommt von ganz hinten ein hochrot angelaufener klatschnasser Muskelklops angeschossen, dem ich unterstellen würde: Er schmeißt zum Zeitvertreib gerne mal kleine Eichhörnchenbabys in die Spree. Er blökt: „Ey, ich bin da noch dran!“

Dabei weist er mit seinem dicken, dicken Arm auf sein mickriges Handtuch, das er vor einiger Zeit offenbar an die Seite des Trainingsgeräts gepfeffert hatte. So als Reservierungszeichen.

Wir sind doch nicht am Hotelpool in Cala Ratjada.

4. Gebrüll als Reviermarke

Leute, die jeden Tag im Gym rumhängen, fühlen sich dort irgendwann wie zuhause. Und man fragt sich: Benehmen die sich daheim auch so?

Deren Vorsatz: Trainingsprogramm durchziehen und gleichzeitig Smalltalk mit den Kumpels, deren Trainingsprogramm diese allerdings an Geräte führt, die in der ganz anderen Ecke des Raumes stehen. Aber da gibt ja einen Trick: schreien.

Und so trainiert der eine gerade den Bauch, der andere die Oberschenkel: „HIER DINGS, DANN DIE BEIDEN EWIG HIN HER HIN HER UND SO VOLL AM RUMLABERN. UND WEISST DU, WAS DER DANN ZU DEM GESAGT HAT?“

„NÄÄÄ!“

„JA WARTE, ER VON WEGEN SO: DER SOLL SICH VERPISSEN.“

„ECHT? EY, DEN HÄTTICH VOLL GEBOXT!“

Aus den Deckenlautsprechern parallel Clubmusik. Das ist der Moment, in dem ich vorübergehend mein Hörbuch abschalte.

5. Verschwitzte Unterhosen halten den Platz frei

Gut, heutzutage lassen so manche Zeitgenossen ihre Unterhosen beim Duschen an. Wirkt seltsam verklemmt. Aber ist immer noch besser, als sie währenddessen durchgeschwitzt auf der Umkleidebank liegen zu lassen. Womöglich noch in der Form, wie sie von den Schenkeln gerutscht sind. Zwei runde Löcher für die Beine und die Mitte klatschnass.

Wer Platz auf der Bank benötigt, wird sich kaum überwinden, die miefigen Batzen des Fremden wegzuschieben. So bleibt die Bank schön bis nach der Dusche reserviert. Nicht selten werden einzelne verschwitzte Kleidungsstücke auch noch über den Fön gespannt, den andere sich an die Haare halten. Die anderen ja egal sind. Soll nur nicht müffeln in der Tasche. Und zum Schluss noch das männliche Deospray an der Achsel vorbei auf die Lungenbläschen der Nachbarn.

Sind wir mittlerweile so? Sind die, die sich da gerade aufpumpen, unsere Zukunft? Ein Haufen von rücksichtslosen Eigenbrötlern?

60 Millionen Europäer sind mittlerweile im Gym angemeldet. Hoffentlich sind die meisten davon Karteileichen.