Werner knallhart

Machen Sie Süßkramschnorrer zu edlen Spendern

von Marcus Werner

Im Büro gibt es zwei Typen von Kollegen: Die einen, die gerne mal was Leckeres für alle mitbringen, und die anderen, die alles in sich reinstopfen. Bekommt man diese Büroschmarotzer zum Mitbringen erzogen?

Süßigkeiten im Büro: Wie man Schnorrer zu Mitbringern umerzieht.

Quelle: dpa

Es gibt einen Zauberspruch, der es einem im Büro auf völlig unverfängliche Weise erlaubt, sich beim Kollegen zu seinen Schreibtischsnacks einzuladen. Er lautet: „Ach, hast du heute Geburtstag?“

Dabei zeigt man dann mit großen Augen auf den Kuchen, die Toffifees, die Kekse des anderen. Der andere wird etwas antworten wie: „Was? Geburtstag? Nein, nein, meine Frau hatte am Wochenende einen Backanfall. Willst du ein Stück?“

Und Bingo, die Leckerei ist gesichert! Die Geburtstagsfrage funktioniert mitunter selbst bei den kleinsten Portionen, die ganz offensichtlich zum Eigenkonsum auf der Tischplatte liegen. Die meisten Kollegen werden selbst ihr Hanuta mit Ihnen teilen, so gerührt sind sie von so viel selbstlosem Interesse Ihrerseits an ihrer Person.

So gesehen ist Nehmen im Büro oft seliger denn Geben. Weil es so viele Kollegen gibt, die sich besser fühlen, wenn dank ihrer großzügigen Spende sich wiederum die anderen besser fühlen.

Ich erinnere mich an eine Kollegin, Birgit, auf deren Schreibtisch eines Morgens eine gigantische Schale mit einem riesigen Berg der herrlichsten Kirschen stand. „Nimm dir, so viel zu willst. Unser Kirschbaum explodiert gerade. Wir können das alleine gar nicht fressen.“ Wenn man bedenkt, dass ein Kilo Kirschen gut und gerne acht Euro kostet, stand da mal eben ein Wert von bestimmt 50 Euro. Statt die Kirschen zu Marmelade zu verkochen und bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag für sich selbst ein Einmachglas nach dem anderen zu öffnen... Die Gute!
Und das als Abteilungsleiterin. Führungskräfte sind oft gar nicht auf selbstlosen Service getrimmt. Wenn Chefinnen und Chefs etwas Leckeres mitbringen, dann schwingt unterschwellig irgendwie immer Kalkül mit: Ich muss mal wieder zeigen, dass ich mich um meine Schäfchen kümmere. Und aus Mitarbeitersicht: Die Führungsetage hat wohl Imagepflege nötig. Oder wie war das bei Ihnen, als bei den heißen Tagen ohne Klimaanlage jüngst die E-Mail kam: „Eis für alle in der Kaffeeküche!“?

Anders ist es mit Assistentinnen und Assistenten. Von denen erwartet man unfairerweise regelrecht dieses „Ich bin gerne für dich da“, selbst bei Keksen und Bonbons. Das ist die Kehrseite des Rufs als gute Seele. Und tatsächlich: Hat eine Sekretärin wirklich mal Geburtstag, gibt es meist aufwendig Selbstgebackenes: „Der mit der Schoki ist mir leider etwas trocken geworden, aber probier' mal den mit Apfel-Zimt.“ Allen anderen nimmt man es nicht übel, wenn sie zur Feier des eigenen Ehrentages nur ein paar Tüten Haribo Color-Rado hinknallen.

Sympathisch sind mir auch diejenigen Kollegen, die einfach zwischendurch was springen lassen. Man kommt in die Redaktionskonferenz, da liegt ein Schuber mit Erdnuss-Cookies mitten auf dem Tisch und wenn man fragt „Oh, wer ist denn der edle Spender?“, streckt der Aushilfsstudent stolz grinsend den Finger hoch. Selbst diejenigen, die sich aus schlechtem Gewissen aufraffen, auch mal was mitzubringen, um nicht negativ aufzufallen, sollen mir recht sein. Ist ja auch ein sinnvolles Sozialverhalten, das das Team voranbringt. Der Reziprozitäts-Effekt.

Aber dann: die Passiven. Die mit den Nehmer-Qualitäten. Mit den Schaufelhänden. Die einem vier Mal pro Jahr versehentlich zum Geburtstag gratulieren. Die haben auch noch andere Sprüche drauf:
„Ach, gibt es schon Erdbeeren? Schmecken die schon?“
„Hä? Wo gibt es denn jetzt noch Ferrero Rocher?“
„Oh, geil, Oreos. Die erinnern mich immer an meinen Urlaub in Costa Rica.“
„What? Gibt es die jetzt auch mit weißer Schokolade?“

Mitleiden tut man ja mit denen, die die ganze Konferenz über stumm auf die Bonbonmischung in der Mitte starren und alle wissen ganz genau: Der hat schon Speichelfluss wie ein Tischspringbrunnen. Und am Ende, wenn alle rausgehen, fällt sein Blick scheinbar beiläufig auf die Schale und er murmelt kaum hörbar und gespielt überrascht: „Och, was ist das denn hier? Celebrations? Nomnomnom.“ Zack, ein Minisnickers in der Faust. Und ruckartig noch ein Bounty, ein Mars, ein Twix, wuppwuppwupp. Und dann weg wie ein Wiesel.

Oder im Gegenteil das offensive Abgreifen mittels hemmungslosen Schnorrer-Humors:
„Hui! Woher weißt du, dass Mandelhörnchen meine Lieblinge sind? Höhö.“

Oder vom Kollegen, der sonst meist noch nicht mal grüßt, auf dem Weg zu seiner sechsten Raucherpause:
„Das kannst du doch alles gar nicht alleine essen. Das macht doch dick.“
Ich antworte dann gerne: „Die Hälfte schmeiße ich nachher weg.“

Wie kriegt man diese ewigen Abstauber dazu, auch mal eine Runde zu schmeißen, statt hinter ihren Rücken in der Kantine abzulästern: „Wir müssen in der Buchhaltung mal von Kinderriegel auf Knoppers umstellen, damit der Hartmut sich etwas ausgewogener ernährt“?

Der Azubi Elias Reichert des Bielefelder Verkehrsbetriebs Mobiel (der eigentlich anders heißt – also der Azubi) erzählte mir: „Bei uns herrscht Zuckerbrot und Peitsche im Guten. Dauernd stehen in den Großraumbüros irgendwo Schalen mit Schokolade, Nektarinen, Keksen oder so. Aber immer, wenn ich mir was nehme, ruft jemand von irgendwo: ‚Aber das nächste Mal bringst du was mit, Freundchen!‘ oder ‚Hee, nicht immer nehmen, auch was hinstellen!‘ Zwar gibt es dann immer lieb gemeintes Gelächter aus allen Ecken. Aber der Spender-Druck ist irgendwie trotzdem da. Obwohl ich ja schon mehrfach selber was für alle mitgebracht habe, sogar einmal selbstgefüllte Ravioli für die ganze Azubi-Gruppe, fühle ich mich bei jedem Gummibärchen, das ich mir schnappe, wie ein kleiner Schnorrer. Aber das Gute ist: Weil jeder auch mal muss, steht fast immer was Leckeres da. Diese Woche habe ich ein Familienglas Nutella in die Teeküche gestellt.“ Das Zuckerbrot dank der Peitsche.

So geht das also. Sozialdruck durch öffentliche Demütigung bei jedem Griff in die Schale. Das ist nur ein kleiner Preis für die kostenlose Kalorienbombe im 16-Uhr-Loch. Machen wir es also nach der Bielefelder Mobiel-Methode: Großzügig geben plus strafender Blick, getarnt als Augenzwinkern. Und Geizhälse werden mit einem Anklang von Ironie in der Stimme stramm zum Mitmachen verdonnert:
„Hey, Michael, was magst du lieber: Storck Riesen oder Nippon?“
„Nippon. Warum?“
„Dann bring doch mal Riesen mit. Dann haben wir alle mehr davon.“

Schaffen Sie schonmal Platz auf den Schreibtischen. Denn schon bald werden die Bonbonberge wachsen und wachsen. Auch eine Form von Teamwork. Wenn auch schlecht für die Zähne.