Lampenfieber

Immer dahin, wo die Angst ist

Lampenfieber kann zu Höchstleistungen anspornen – oder in einen Teufelskreis des Versagens führen. Wie Musiker, Manager und Moderatoren mit Auftrittsängsten umgehen und an ihnen wachsen.

Jetzt kommt's raus! Hinter der Pose der Selbstsicherheit lauert die Furcht vorm Versagen.

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Im Rückblick kommt ihm alles „sehr entfernt“ vor, „fast surreal“, als würde er durch eine „neblige Traumwand“ darauf schauen. Dabei erinnert sich Max Kappelt, der eigentlich anders heißt, noch genau daran, wie ihm im Seminarraum, kurz vor der Präsentation, das „Herz in den Hals sprang“. Wie sich die Kehle zuschnürte, wie sein Körper bebte, der Schweiß ausbrach und er sich noch so oft sagen konnte: „Die wollen mir hier nichts Böses.“ Es half nichts, es wurde alles noch schlimmer: Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, brachte keinen Satz heraus, nur ein paar stammelnde Worte. Sodass die Kommilitonen übernahmen und er dastand, „gefühlt nassgeschwitzt“, mit hängendem Kopf und der „ganzen Schmach des Versagens“.

Heute, fünf Jahre später, ist der damalige Student des Medienmanagements „Stratege“ bei einer der führenden Werbeagenturen Deutschlands. Einer, der die Leitgedanken formuliert für die Kommunikation eines neuen Produkts und sie dem Kunden verkauft. Aufgeregt ist er nach wie vor. Die Nervosität bleibt sein „Feind“, eine Angstschranke, die er immer wieder überwindet. Zuletzt vor 18 Vertretern eines Mobilfunkunternehmens, ein „Neugeschäft, das wir gewinnen wollten“, gegen andere Agenturen: „Da schluckt man, während man jedem die Hand schüttelt.“

Um mit solchen Situationen klarzukommen, begann er während des Studiums zunächst, seine Auftritte am Abend zuvor zu proben, mit Freunden als Sparringspartnern und dem Laptop im Rücken, in freier Rede, ohne Karteikarten. „Das hat total geholfen“, erzählt Kappelt, „da hat sich eine Struktur im Kopf aufgebaut, ich war im Ernstfall zwar immer noch angespannt, aber sicherer.“

So ist das Lampenfieber besser geworden, nach und nach, durch permanente Übung. Kappelt hat gelernt, mit sich selbst umzugehen. Mehr noch: Die Auftritte vor Publikum beginnen, ihm Spaß zu machen, weil er merkt, dass er sich freireden kann, erst stockend, dann immer flüssiger, mit einem „Untergefühl von Sicherheit“, sodass er sich nicht mehr so „maximal klein“ fühlt, sondern das Gefühl hat „zu wachsen“ – manchmal über sich selbst hinaus.

Kappelt hat damit eine entscheidende Grenze überwunden zwischen dem, was Psychologen störendes Lampenfieber nennen, und dem, das sie als motivierend einschätzen. Leistungsmindernde Angst hemmt die Konzentration, blockiert den Bewegungsfluss, verengt die Raumwahrnehmung und den Wortschatz. Moderates Lampenfieber hingegen wirkt beflügelnd: Es hält wach, schärft die Sinne, spitzt die Aufmerksamkeit zu – auf das Hier und Jetzt.

Der kritische Blick des Publikums kann zu Bestleistungen anspornen. Das hat jüngst eine neurobiologische Studie der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore bestätigt: Bei anspruchsvollen motorischen Leistungen waren Versuchsteilnehmer, die unter Beobachtung von mindestens zwei Personen standen, deutlich erfolgreicher als die, die sich unbeobachtet wussten. Gleichzeitig zeigten sie während des Experiments eine signifikante Erregung der für soziale Anerkennung und Belohnung zuständigen Hirnareale: Im Lampenfieber, so die Autoren, artikuliert sich der Wunsch nach Anerkennung ebenso wie die Angst vor Ablehnung.

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Doch weshalb können dieselben Hirnregionen, die motivierend wirken, auch Leistungen beeinträchtigen? Ab welcher Publikumsgröße schlägt stimulierendes Lampenfieber in lähmende Auftrittsangst um?

Beschämende Zitterattacken

Studien bei Jugendlichen zeigen: Der Druck steigt mit der Zuschauerzahl. Und damit auch die Angst, zu versagen. Die Grenzen zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst sind allerdings „schwammig“, so der Neurologe Alexander Schmidt, Chef des Berliner Centrums für Musikermedizin an der Charité: Es gebe „kein klares Kriterium“, das normales von krankhaftem Lampenfieber unterscheide, zumal die Stärke des Lampenfiebers vom subjektiven Empfinden abhängt.

In seine Spezialambulanz kommen nicht nur Musikstudenten. Es kommen auch gestandene Orchestermusiker aus Spitzenensembles, die von „panikartigen Ängsten“, von „quälenden körperlichen Symptomen“ berichten, die genau dann auftauchen, wenn man sie nicht gebrauchen kann. Beim schwierigen Solo etwa oder bei Proben, zuweilen nur unter bestimmten Dirigenten.

Da klagt ein Hornist über Lippenflattern, dem Geiger zittert die Bogenhand, gerade bei lang gehaltenen Pianissimo-Passagen, wenn er ohne Druck über die Saite streichen muss. Es kommt die typische Eskalationsspirale in Gang: Allein der Gedanke, dass die Hände zittern könnten, ruft ein Zittern hervor, das als bedrohlich empfunden wird und zusätzlich Angst erzeugt, die zur Ausschüttung weiterer Stresshormone führt, welche das Zittern noch mehr verstärken – ein Teufelskreis.

60 Prozent aller Musiker, so eine Schätzung des Berliner Psychoanalytikers Helmut Möller, sind von Aufführungsängsten betroffen. Trotzdem wird kaum darüber gesprochen. „Jeder Musiker sagt, dass er nervös sei vorm Auftritt“, so Schmidt, „aber die übersteigerte Form des Lampenfiebers wird tabuisiert – im Gegensatz zu organischen Erkrankungen.“ Warum? Weil Aufführungsangst als Schwäche gilt – ein Defizit, das an die Selbstachtung des Musikers rührt. Der Klarinettist eines Spitzenorchesters hat gefälligst zu liefern, wie der Spitzensportler, auf höchstem Niveau – ein selbst verordneter, tief verinnerlichter Perfektionsanspruch, der zu Überforderungsängsten einlädt.

Da wundert es nicht, dass unter Orchestermusikern der Konsum von Beruhigungsmitteln weitverbreitet ist. Wenn alles andere nichts mehr hilft, wenn, neben der exzellenten Vorbereitung auf das Stück, begleitende Maßnahmen wie Atemübungen, autogenes Training und kognitive Verhaltenstherapie ausprobiert worden sind, verschreibt Alexander Schmidt „ergänzend“ den Betablocker Propranolol. Ein blutdrucksenkender Wirkstoff, der die Wirkung des Stresshormons Cortisol eindämmt. Er beruhigt, vor allem: Er schützt vor beschämenden Zitterattacken.

„Lampenfieber zu haben ist ganz normal“, sagt der Pianist Grigori Sokolow, „wichtig ist, dass das Publikum es nicht bemerkt.“ Oder wie der Schauspieler Rudolf Platte es formulierte: „Lampenfieber ist der Versuch, so zu tun, als hätte man keins.“ Es ist diese Furcht vor der Bloßstellung, die den Musiker mit dem Top-Manager verbindet, der vor großer Kulisse auftreten muss. Seine größte Angst gilt dem sichtbaren Versagen, dem Offenbarwerden der Nervosität: Schon deshalb verwendet er einen Großteil seiner Energie darauf, sie zu verstecken.

Unfreiwillige Beichte

Doch anders als der Künstler, der gelernt hat, gutes Lampenfieber als Produktivkraft zu verstehen, erlebt der Manager es als lästige Begleiterscheinung, als Störfaktor in der Routine. Sein Lampenfieber öffentlich einzugestehen, so der an der Universität Witten/Herdecke lehrende Philosoph und Managerberater Jürgen Werner, käme für den Manager einer „Beichte“ gleich: Es hieße, sich „klein zu machen, aus seiner Sicht ohne Not“, und „an das zu erinnern, was er gerade vergessen möchte“ aus Scham vor der Öffentlichkeit und vor den Kollegen: die Angst vor dem Auftritt.

Der Versuch, das Lampenfieber abzuwehren, bringt es dann endgültig zutage: Der Redner verkrampft, er verhaspelt sich und muss im schlimmsten Fall abbrechen. Eine „unfreiwillige Beichte“, so Werner, die den Betroffenen im Zentrum trifft, denn er bekommt nun die Erfahrung serviert, dass „er nicht der ist, für den er gehalten werden möchte“. Im tiefsten Inneren weiß er natürlich von seiner Angst, aber „er möchte nicht, dass die anderen es wissen“.

Was er falsch gemacht hat? „Nichts falsch machen zu wollen“, so Jürgen Werner. Zu glauben, der Eindruck von Souveränität beruhe auf perfekter Kontrolle, womöglich auf Auswendiglernen. Die Manager, mit denen Werner rhetorisch und kommunikativ arbeitet, lernen durch gemeinsames Üben etwas anderes: Lampenfieber nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern zu suchen, also die Nervositätsschwelle zu senken, Ungewissheit auszuhalten und eine Rede nicht bis aufs Komma vorzubereiten. Überzeugend zu reden heißt, die störende Selbstreflexionsspirale zu durchbrechen und das Publikum ins Zentrum zu rücken. „Das Glück in der öffentlichen Rede“, so Werner, „erlebt der Redner in dem Maße, wie es ihm gelingt, sich im Sprechen zu vergessen und mit dem Publikum ein Spiel zu spielen.“

Darin besteht nicht zuletzt die hohe Kunst des Fernsehmoderators: sich zurückzunehmen zugunsten der Sache, die er vermittelt. Ein Meister darin ist der Wissenschaftsjournalist Gert Scobel, der die Gäste seiner 3Sat-Sendung mit gleichschwebender Aufmerksamkeit im Gespräch hält und sie, wie nebenbei, zu Tiefbohrungen im Reich des Wissens einlädt.

Lampenfieber? Auftrittsstress? Nein, das habe er nicht, sagt Scobel. Allenfalls bei Auftritten jenseits des Studios sei er nervös, bei Vorlesungen, die er als Philosophieprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg hält, oder auf wissenschaftlichen Kongressen, wo er als Vortragsredner vor einem kritischen Publikum bestehen muss. Im Fernsehstudio würde es ihn „auf Dauer krank machen“, gegen aversive Gefühle anzukämpfen. Trotzdem, die Angst vor der Blamage kennt der Moderator „im Prinzip“ ebenso wie der Musiker, „nur dass die Sicherheitskonstruktionen andere sind“: Während der Pianist sich allein auf sein Können verlässt, kommt dem Moderator der technische Apparat, das Licht, die Kamera, der Teleprompter, zu Hilfe.

Dabei kann der 59-Jährige sich noch gut erinnern, welch massive Ängste er als junger Hörfunkmoderator durchlebte, bevor das rote Licht anging. An seine Atemnot oder an den Durchfall, eine klassische Stressreaktion, für die Scobel gleich die wissenschaftliche Erklärung parat hat: Die Entleerung des Darms vor Kampfsituationen sorgte in archaischer Zeit dafür, dass sich die Entzündungsgefahr bei Verletzungen minderte.

Es gab panische Phasen, wenn er unter Zeitdruck Moderationen formulieren musste: Sein Puls raste, er konnte sich schlecht konzentrieren, 1000 Gedanken schossen durch den Kopf. Die „primäre Angst“, woran man sich als Anfänger abarbeite, sei tatsächlich die „Fantasie, zu scheitern, in den Augen des Publikums – und damit vor sich selber“.

Wie er sie überwunden hat? Erstens durch Übung. Zweitens durch die Freude an dem, was er macht. Da ihm das „Rampensau-Gen“ fehle, sei der Wunsch nach Selbstdarstellung bei ihm eher unterentwickelt.

Wolfram Brandl, Erster Konzertmeister der Berliner Staatskapelle, sieht darin die größte Gefahr: an Lampenfieber zu scheitern, „weil der Wunsch nach Anerkennung im Vordergrund steht“. Versagensängste würden durch Selbstüberschätzung geschürt. Der 43-jährige Geiger hält Lampenfieber für „essenziell“: Ein erhöhter Puls, verbunden mit gesteigerter, fokussierter Aufmerksamkeit, wecke „positive Kräfte“, sorge für einen „Adrenalin-Kick“, der zu „Außerordentlichem beflügelt“.

Vor wichtigen Auftritten stellt er bei sich selbst immer wieder fest, dass auch Angst aufsteigt, die sich aber eine Stunde vor der Aufführung legt, um einem „gefassten, sehr konzentrierten Zustand“ zu weichen, der Voraussetzung für eine gute Leistung ist. Natürlich geht er auch wichtige Stellen einer Partitur noch einmal durch, doch „nie unter Volldampf – und immer freundlich zu sich selbst“. Man müsse lernen, sich „nicht permanent zu überfordern“, sondern ein Gefühl dafür entwickeln, was man zu leisten vermag. Wenn Wollen und Können zu weit auseinanderklaffen, bekommen vielleicht die Zuhörer nicht immer etwas mit, aber der Dirigent und die Kollegen. Und gerade vor ihnen möchte man keine Schwäche zeigen.

Musiker, die auch schwierigste Herausforderungen meistern, würden sich dadurch auszeichnen, dass sie sich „in Frieden lassen können“ und den „natürlichen Mechanismus der Angst annehmen“. Anders gesagt: dass sie ein „gesundes Verhältnis zu sich selbst haben und zu dem, was sie tun“.

Kein Geheimrezept

„Königswege“ zur Lampenfieberbekämpfung gebe es nicht, sagt der Neurologe Alexander Schmidt, vor allem keine unmittelbar wirksamen. Seit Mai testet eine auf zwei Jahre angelegte Studie der Charité jetzt dennoch die „angstlösenden Effekte körperlicher Bewegung“. Die ersten Probanden mit diagnostizierter Auftrittsangst haben ein neuromedizinisch kontrolliertes Probespiel vor einer Jury absolviert, daraufhin ein spezielles, sportmedizinisch ausgestaltetes Trainingsprogramm durchlaufen, um dann ein zweites Mal vor einer Jury zu spielen. Der Vergleich von Herzfrequenz, Stresshormonen und sonstiger Körpersymptomatik soll schließlich Aufschluss geben darüber, ob durch ein individuell angepasstes Training kurzfristig Auftrittsängste reduziert werden können.

Mit der Sport-App gegen Lampenfieber? Der Erfolg einer solchen „Akut-Behandlung“, sagt Schmidt, würde uns „Hundertschaften zutreiben“ – nicht nur die Musiker.