Alexander Schmidt

„Lampenfieber wird nach wie vor tabuisiert“

Interview von Christopher Schwarz

Alexander Schmidt ist Professor an der musikermedizinischen Spezialambulanz der Berliner Charité. Er berät Patienten mit starkem Lampenfieber. Er weiß: Sowohl Top-Manager als auch Musiker können daran leiden.

Alexander Schmidt, Jahrgang 1977, ist Professor für Musikermedizin und Facharzt für Neurologie. Der studierte Pianist leitet das Berliner Centrum Musikermedizin der Charité und ist Chef des Kurt Singer Instituts für Musikphysiologie und Musikergesundheit der Hochschule für Musik Hanns Eisler und der Universität der Künste Berlin.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Schmidt, in Ihrer musikermedizinischen Spezialambulanz an der Berliner Charité beraten Sie auch Patienten, die wegen starkem Lampenfieber zu Ihnen kommen. Wie viele sind das prozentual?
Herr Alexander Schmidt: Rund ein Drittel unserer Patienten hat psychische Probleme, leidet unter mentalen Belastungen. Ein Teil davon spezifisch unter Auftrittsangst, so dass wir unsere Psychiater mit einschalten.

Kostet es diese Patienten viel Überwindung, zu Ihnen zu kommen?
Ja, manche sagen: Ich trage das schon ewig mit mir herum und habe mich jetzt endlich entschieden, etwas dagegen zu tun. Und die gehören keineswegs zu den so genannten Minderleistern. Im Gegenteil: Es sind häufig sehr erfolgreiche Musiker, die in internationalen Spitzenorchestern in exponierten Positionen spielen. Die ganze Skala ist bei uns vertreten: Vom Solisten, dem ein Probespiel bevorsteht, bis zum Studenten, der sich der Abschlussprüfung noch nicht gewachsen fühlt und angesichts des Drucks sagt: Ich schaff’s jetzt nicht. Dann attestiere ich das.

Was bekommen Sie von Orchestermusikern zu hören?
Die Patienten sprechen sehr offen über störende körperliche Symptome, die genau dann auftreten, wenn man sie nicht gebrauchen kann: Der Hornist leidet unter einem Lippenflattern, gerade bei anspruchsvollen Solostellen, zum Beispiel in Bruckners IV. Sinfonie, dem Streicher zittert die Bogenhand bei lang gehaltenen Pianissimo-Stellen. Da wird das Scheitern durch negative Gedanken geradezu vorweggenommen: Was wird gleich schiefgehen? Hoffentlich macht mich der Dirigent nicht fertig? Manche Musiker haben derlei Befürchtungen nur bei bestimmten Dirigenten, die vielleicht nicht immer die freundlichsten sind.

Die Angst vorm Chef?
Ja. Und so eine Reaktion kann sich verfestigen. Bei jeder Probe, manchmal schon beim Üben zu Hause, kommt dann Angst auf. Es gibt eine große Bandbreite, die noch ungenügend erforscht und klassifiziert ist: Sie reicht von flottierender, untergründiger bis zu panikartiger Angst, bei der man die Kontrolle über den Körper verliert. Dann kommt ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Angst in Gang: Je mehr man zittert, desto größer die Angst, und je mehr Angst, desto stärker das Zittern.

Darüber wird öffentlich kaum geredet…
…weil es nach wie vor tabuisiert ist. So gut wie jeder Künstler gibt zwar zu, dass er nervös ist vorm Auftritt, dass Lampenfieber zu seinem Beruf gehört. Aber die übersteigerte Form des Lampenfiebers, die zuweilen ins Krankhafte geht und zu depressiven Verstimmungen führt, wird nicht offen angesprochen. Aufführungsangst gilt als seelische Schwäche, als Zeichen mangelnder Belastbarkeit, die sich der Musiker eines Spitzenorchesters nicht leisten kann.

Wenn der Hornist in der Carnegie Hall wiederholt kiekst, fällt das auf das ganze Orchester zurück.
So ist es. Und das kann ernsthafte Konsequenzen haben. Wer keine Höchstleistung bringt, läuft Gefahr ausgetauscht zu werden. Da stehen Karrieren auf dem Spiel.

Es wird Perfektion vom Orchestermusiker verlangt?
Ja, wobei der Druck nicht nur von den Kollegen und vom Dirigenten kommt, sondern auch vom Publikum: Die Erwartungen sind durch die digitale Verbreitung von Referenzaufnahmen enorm gestiegen: An ihrer Perfektion muss sich jedes Orchester, jeder Interpret im Hinblick auf Tempo, Artikulation oder Dynamik messen.

Was ist der Unterschied zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst?
„Normales“ Lampenfieber führt dazu, dass vorher geübte Leistungen auf der Bühne zu einer Spitzenperformance gesteigert werden. Sobald aber die Aufregung einen kritischen Punkt überschreitet, werden die Leistungen, die man eigentlich zu zeigen in der Lage ist, wieder schlechter oder so schlecht, dass man gar nicht mehr in der Lage ist, zu performen. Sobald das regelmäßig passiert, spricht man von Auftrittsangst. Nur: Ein klares, klinisches Kriterium, das zwischen beiden Formen des Lampenfiebers unterscheidet, gibt es nicht. Zumal die Stärke des Lampenfiebers vom subjektiven Empfinden abhängt und jeder mal einen schlechten Tag hat.

Was erwarten Ihre Patienten und was empfehlen Sie ihnen?
Die Patienten wollen ihre massiven Ängste loswerden. Und was die Empfehlungen angeht, so kommt es immer darauf an, in welchem Entwicklungsstadium der Betreffende sich befindet. Ob er ein Anfänger oder ein Profi ist, der schon alles Mögliche probiert hat. Gleichwohl, es gibt Bausteine der Therapie, die jedem weiterhelfen. Dazu gehört die optimale Vorbereitung am Tag des Auftritts, und dazu gehören angstdämpfende Entspannungsverfahren, die man täglich anwenden sollte: Atemtechniken, Muskelrelaxation oder autogenes Training. Und was am Wichtigsten ist: dass man sich seinen Ängsten stellt, dass man lernt, mit ihnen umzugehen und sie als Teil der musikalischen Ausbildung versteht.

Was sagen Sie dem gestandenen Orchestermusiker, der mit Auftrittsangst zu Ihnen kommt?
Dass es bei unkontrollierbarem, unerträglichem Zittern immer noch die Möglichkeit der medikamentösen Intervention durch Betablocker gibt. Sie enthalten den blutdrucksenkenden Wirkstoff Propranolol und wirken beruhigend auf Tremor-Attacken. Wir bieten sie ergänzend zu den genannten Entspannungstechniken und zu Psychotherapien an.

Seit Mai dieses Jahres untersuchen Sie in einer auf zwei Jahre angelegten Studie die angstlösende Wirkung körperlicher Bewegung. Sport als Mittel der Stressminderung?
Ja, unsere Kollegen von der Psychiatrie haben damit gute Erfahrungen bei der Behandlung so genannter generalisierter Angststörungen gemacht, aber auch bei Patienten, die panikartige Angst vor Zahnarztbesuchen haben. Ein spezielles, sportmedizinisch ausgearbeitetes Trainingsprogramm hat nachweislich zu anhaltenden Effekten von Angstreduktion geführt, gerade so, als sei ein Psychopharmakon eingenommen worden. Offenbar führt der gezielte Einsatz von Sport dazu, dass mit Angst assoziierte Neurotransmitter im Gehirn weniger stark ausgeschüttet werden. Das wollen wir uns zunutze machen bei der Behandlung von Musikern mit Auftrittsangst.

Wie gehen Sie vor?
Wir setzen betroffene Musiker, die sich für die Studie bei uns gemeldet haben, einer prüfungsähnlichen Auftrittssituation aus. Da geht es zu, wie bei einem Probespiel vor einer Jury, als würde man sich um eine Orchesterstelle bewerben, nur dass wir den Auftritt neuromedizinisch kontrollieren. Danach absolvieren die Probanden ihr sportliches Trainingsprogramm, um dann ein zweites Mal vorzuspielen, wobei wir wieder Hormone, Herzfrequenz und andere Körpersymptome systematisch registrieren. Wir hoffen, dass wir mit einem individuell abgestimmten Sportprogramm kurzfristig zur Minderung von Auftrittsängsten beitragen können.

Es geht um eine Art Akut-Behandlung?
Genau. Wir wollen Menschen etwas anbieten, die in drei, vier Wochen einen wichtigen Auftritt haben. Das ist hochrelevant, so etwas hätte jeder gern. Vorstellbar wäre etwa eine App, die genau vorgibt, in welchem Herzfrequenz-Bereich man sich optimal beim Training bewegt. Sollten wir damit Erfolg haben, könnte uns das Hundertschaften zutreiben. Nicht nur Musiker, die händeringend nach etwas suchen, weil sie schon alles „durch“ haben, sondern auch andere Berufe, zu denen öffentliches Auftreten gehört.

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Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass Aufführungs- und Versagensängste unter Musikern weit verbreitet sind. Was ist Ihre Erklärung?
Lampenfieber gehört zum Beruf des Musikers. Vergessen wir nicht, dass es etliche gibt, die davon profitieren, die gerne auf die Bühne gehen, für die das ein Lebenselixier ist. Und dann gibt es andere, die darunter leiden. Von Nicht-Musikern höre ich häufig, diese Menschen hätten eben den falschen Beruf gewählt. Aber das ist falsch. Schon deshalb, weil auch Musiker, die herausragende Leistungen bringen, zu den Lampenfieber-Opfern gehören. Wer auf höchstem Niveau musiziert, muss den ganzen Reichtum der Emotionen nachempfinden können. Er bedarf einer besonders hohen Sensibilität – und ist damit eben auch besonders anfällig für stressbedingte psychische Störungen.