Gründer

Alt oder jung, wann ist die beste Zeit, ein Start-up zu gründen?

Interview von Thomas Stölzel

Erfahrung, Zeit und Geld – all dies braucht es ein Unternehmer. Nur: Wann hat man davon gerade genug, aber noch nicht zu viel? Zwei Gründer diskutieren, welches das beste Alter ist, um ein Start-up hochzuziehen.

Sebastian Kuch (l), Rolf-Dieter Lafrenz (r).

Quelle: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Herr Lafrenz, Sie haben einen sicheren, gut bezahlten Job gekündigt, um den Logistik-Optimierer Cargonexx zu gründen. Und Herr Kuch, Sie haben Ihr Studium hingeworfen, um das E-Sports-Unternehmen MateCrate zu starten. Bereuen Sie das manchmal?

Lafrenz: Fragen Sie mich das in fünf Jahren. Auf jeden Fall ist es viel mehr Arbeit, Zweifel und Stress, als ich gedacht habe. Viel zu viel für mein Alter, sagt meine Frau.

Kuch: Vieles hab ich mir tatsächlich anders vorgestellt. Angeblich führen Start-up-Gründer ein cooles Leben, haben jede Menge Spaß und verdienen schnell viel Geld. In Wirklichkeit ist es Leben am Limit: Sieben-Tage-Woche, jeden Tag Vollgas, abends auch gern mal bis elf Uhr im Büro. 

Mit dem Alter kommt die Erfahrung. Die dürfte von Vorteil beim Gründen sein, oder?!

Lafrenz: Ich hab ein Logistik-Start-up gegründet. Die Kunden müssen mir vertrauen. Da ist Alter auf jeden Fall ein Vorteil. Und auch bei Verhandlungen kann ich souveräner auftreten.

Kuch: Ich sehe es als einen großen Vorteil, jung und unvoreingenommen zu sein. Ich habe noch keine Abläufe im Kopf, die ich aus anderen Unternehmen kenne und die mich auf einen falschen Weg lotsen. Aber ich stimme zu, dass es ein Nachteil ist bei Verhandlungen, jung zu sein. Ich habe Leute getroffen, die offenbar dachten: Den Bubi kann ich über den Tisch ziehen. Denen musste ich erst klar machen, dass ich zwar erst Anfang 20 bin, aber nicht auf den Kopf gefallen. 

Lafrenz: Ich verstehe, was Herr Kuch meint, wenn er von Unvoreingenommenheit spricht. Aber ich glaube auch, dass ich in bestimmten Dingen aufgrund meiner Erfahrung viel schneller bin, bei Bankgesprächen, bei der Organisation. Das alles habe ich in der Vergangenheit schon mal gemacht.

Rolf-Dieter Lafrenz (51) ist Gründer des Hamburger Logistikoptimierers Cargonexx. Das Start-up setzt künstliche Intelligenz ein, um Unternehmen, die eine Transportdienstleistung brauchen, automatisch den besten und preiswertesten Spediteur zu vermitteln. Dabei sorgt die Software dafür, dass die Lastwagen perfekt ausgelastet sind und die optimalen Routen fahren.

Quelle: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Auch finanziell steht man im Alter meist etwas besser da, was es einfacher macht, ein Unternehmen zu gründen.

Lafrenz: Nicht unbedingt, im Alter hat man schließlich auch höhere Ansprüche. Statt ein Start-up zu gründen, könnte ich sehr viele andere Dinge machen, die sehr gut bezahlt werden. Dann fragt mich meine Frau schon häufig mal, ob das denn der richtige Weg ist. Aber ich mache es nicht wegen des Geldes. Ich mache es, weil ich die Vision habe, die Logistikbranche zu verbessern. Bei der Investorensuche war es durchaus hilfreich, etwas Vermögen zu haben, weil ich so meine Investoren sorgfältiger auswählen konnte. Bei klassischen Früh-Investoren in Berlin hatte ich es dagegen schwer. Da passe ich nicht ins Schema. Die setzen lieber auf junge Gründer mit einfachen Geschäftsmodellen. 

Kuch: Keine Familie, eine kleine Wohnung am Stadtrand. Ich brauche nicht viel. Wenn‘s knapp wird, esse ich einfach etwas weniger. Ich habe mein Studium abgebrochen, die ersten Monate komplett auf Gehalt verzichtet und aus Ersparnissen gelebt. Inzwischen gönne ich mir ein dreistelliges Geschäftsführergehalt pro Monat. Und wenn ich Geburtstag habe, wünsche ich mir eine neue Hose. Fürs Unternehmen ist das gut, ich kann mehr Geld drin lassen. Und wir passen ins Schema der klassischen Wagniskapital-Investoren. 

Könnten Sie damit leben, wenn Ihr Start-up scheitert?

Lafrenz: Darüber mache ich mir schon häufig Gedanken, schließlich werde ich keine zehn Unternehmen mehr gründen können. Deshalb muss das jetzt funktionieren. Und deshalb fehlt mir oft die ganz große Leichtigkeit, die Herr Kuch vielleicht noch hat.

Kuch: Okay, das ist jetzt nicht meine letzte Chance. Aber ich will schon, dass MateCrate erfolgreich wird. Allerdings stimmt auch, dass ich Anfängerfehler machen darf, die im Alter sicher kritischer gesehen werden. 

Wie kamen Sie zu der Entscheidung, sich selbständig zu machen?

Lafrenz: Ich war über 20 Jahre Partner einer Unternehmensberatung und habe mich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigt. 

Kuch: Wow, 20 Jahre in einem Unternehmen. So lang bin ich ungefähr auf dem Planeten.

Sebastian Kuch (22) ist Gründer des Hamburger E-Sports-Start-ups MateCrate. Sein Unternehmen sorgt dafür, dass auch Amateur-Computerspieler an professionell organisierten Wettkämpfen teilnehmen können. Sie bekommen Zugang zu Wettkämpfen und Trainings. Dafür startet Kuch unter anderem gerade die City Masters, eine Städtemeisterschaft, in der Computer-Spieler aus Hamburg gegen Computer-Spieler beispielsweise aus München antreten. Die App von MateCrate ist seit März am Markt, die City Masters starten im Herbst. 

Quelle: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Lafrenz: Ja, irgendwann stand ich im Stau, sah die Lkws sich bis zum Horizont aufreihen. Da habe ich mich gefragt: Kann ich das mit Technologie lösen? Ich hatte von Logistik keine Ahnung, trieb das erstmal als Projekt in der Unternehmensberatung voran. Wir haben Konzepte und Businesspläne gemacht, bevor ich zum Notar gegangen bin und ausgegründet habe. Wir haben dann fast ein Jahr unsere Algorithmen entwickelt, mit denen wir den Transport optimieren. Das alles, bevor wir in den Markt gegangen sind. Das ist eher ungewöhnlich. Die meisten Start-ups gehen direkt in den Markt. 

Kuch: Bei mir läuft es tatsächlich ganz anders ab und ich würde mich nicht trauen, in einer Branche zu gründen, von der ich nichts weiß. Ich habe mich deshalb gefragt: Wo hast du Erfahrung? Ich hatte extrem viel gezockt, mit neun Jahren angefangen, Computer- und Videospiele zu spielen. Ich wusste, was Gamer wollen und was fehlt. So bin ich Hals über Kopf gestartet. Bei einer Abendveranstaltung mit Investoren gab es ein entscheidendes Gespräch, und es gab ein erstes Investment. Binnen drei Monaten waren wir am Markt.

Lafrenz: Anders als Sie fanden wir es sogar besser, nichts zu wissen über die Branche. Ich hab am Anfang beispielsweise intensive Gespräche mit der Transportwirtschaft geführt. Alle haben mir gesagt, was ich versuche, kann nicht funktionieren. Und tatsächlich, wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich womöglich nie angefangen. Es gibt so viele kleine Probleme, die man eines nach dem anderen aus dem Weg räumt. Zudem habe ich am Anfang, weil ich mir über zu wenig Erfahrung Sorgen gemacht habe, erfahrene Speditionsleute eingestellt. Von denen musste ich mich nach sechs Monaten trennen, weil die bei uns ein traditionelles Logistikunternehmen aufbauten.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Lafrenz: In den ersten Monaten nach Marktstart bin ich jeden zweiten Tag heimgegangen und habe mich gefragt: War das der größte Fehler meines Lebens? Das war eine schlimme Zeit. Ich wusste nicht, ob wir eine kritische Masse an Kunden erreichen. Erst nach neun Monaten wurde langsam klar, es klappt. Aber selbst heute gibt es jede Woche noch Situationen, bei denen ich mich frage: Warum funktioniert das nicht schneller und besser? Da kann man nur die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. 

Kuch: Unsere App hat nicht so eingeschlagen wie erhofft. Da dachte ich kurz: Mist! Trotzdem habe ich weitergemacht. Zurzeit erfahren wir gerade extrem viel Zuspruch, was den kleinen Misserfolg nun wieder ausgleicht. Für mich ist wichtig, aus Niederlagen zu lernen. Und wenn‘s ganz schlecht läuft, reagiere ich mich beim Sport ab. 

Wie strategisch denken Sie?

Lafrenz: Oh, ich denke total strategisch. Ich habe einen Masterplan bis 2027. 

Kuch: Echt jetzt?

Lafrenz: Ja, ich plane schon, wie unsere Anwendung funktionieren wird, wenn autonom fahrende Lkws unterwegs sind. Dann werden wir den Markt richtig aufrollen.

Und wie oft mussten Sie den Plan umwerfen?

Lafrenz: Noch gar nicht. Wir sind immer noch bei unserem ersten Geschäftsmodell. Es dauert nur etwas länger als gedacht. 

Kuch: Unser Ziel ist, E-Sports für jeden anzubieten. Aber wie wir dort hinkommen, haben wir noch nicht bis ins Detail ausgearbeitet. Wir haben ein Produkt und eine These, die überprüfen wir, und leiten davon den nächsten Schritt und die nächste These ab, die wir wieder überprüfen. Unser Markt ist aber auch ganz neu und entwickelt sich so rasant, dass wir nicht wissen, welcher Bedarf in den nächsten Monaten entsteht. 

Man lernt über die Jahre seine Stärken und Schwächen kennen. Wie erledigen Sie die Arbeit, die Ihnen weniger liegt?

Kuch: Das ist sicher ein Nachteil meines Alters. Ich muss erst herausfinden, wo ich super drin bin und wo mir Talent fehlt. Aber das geht schnell. 

Lafrenz: Ich hab mir gleich ein Team zusammengestellt, das die Aufgaben je nach Talent übernimmt. Denn wenn ich kein Talent habe, brauche ich viel Zeit für die Dinge, die dann trotzdem nicht gut werden. Unser Technikchef ist extrem erfahren, war zuvor bei Logistik Hero, unser Vertriebschef war Geschäftsführer eines großen Finanzdienstleisters und unser Chef fürs Operative war Berater.

Und wie wichtig ist es, sich mit Technik auszukennen??

Kuch: Technikaffin zu sein, das ist in meinen Augen unerlässlich, unter anderem für die Produktentwicklung. Aber auch beim Büroablauf ist es wichtig, mit welchen Werkzeugen ich mich besser organisieren kann. Das hilft, mit wenigen Leuten viel zu schaffen. 

Lafrenz: Ich kann nicht programmieren, da gibt es Experten bei uns. Dafür sehe ich als Nicht-Techie sehr schnell, wenn etwas zu kompliziert ist für den Nutzer. Wir ermöglichen, Lkw-Transporte mit einem Klick abzuwickeln. Da ist Einfachheit der Kern unseres Geschäfts.

Stellen Sie denn auch Leute außerhalb Ihrer Altersgruppe ein?

Lafrenz: Sicher, ich bin nicht der Älteste und wir stellen auch sehr viele junge Leute ein, die um die 30 sind.

Kuch: Naja, wir sind schon alle deutlich jünger. Unser Durchschnitt liegt bei 25. 

Würden Sie denn einen 51-Jährigen einstellen?

Kuch: Ja, wenn er kein Problem damit hat, dass sein Chef sein Sohn sein könnte. Ein Entwickler bei uns, der schon etwas älter ist und zwei Kinder hat, ist beispielsweise sehr wertvoll für uns. Er bringt Ruhe ins Büro, wenn die Nerven mal durchgehen. 

Wenn man eigene Kinder bekommt, wird die Zeit knapper. Bremst das das Start-up?

Lafrenz: Du hast dann mehr Verantwortung, denn deine Familie braucht mich. Das bremst schon. In den ersten anderthalb Jahren habe ich keinen Urlaub gemacht. Irgendwann kam dann massiver Protest von der Familie. Am Wochenende geht das weiter. Ich hab drei Mädchen. Die schlafen morgens zwar etwas länger. Da kann ich arbeiten. Aber danach muss ich für sie da sein.

Kuch: Bei mir leidet der Freundeskreis, auch meine Eltern wollen ab und zu mal ein Lebenszeichen hören. Aber ich hab schon etwas mehr Zeit für die Firma als Herr Lafrenz. 

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Streben Sie irgendwann einen Verkauf Ihres Start-ups an?

Lafrenz: Unser Ziel ist auf keinen Fall ein Verkauf. Wir wollen ein eigenständiges großes Unternehmen aufbauen.

Kuch: Wir wollen natürlich auch etwas Großes aufbauen, uns so im Markt positionieren, dass wir irgendwann auch gutes Geld verdienen. Ich kann mir dabei aber durchaus auch einen Verkauf vorstellen. Es gibt viele Unternehmen, die zurzeit E-Sportsfirmen suchen. Bevor wir zum Verkauf stehen, wollen wir diesen Unternehmen aber erst einmal zeigen, wie man die Generation Y und die Generation Z erreicht. 

Lafrenz: Bei uns gibt es noch eine große ideelle Komponente. Unser Ziel ist es, Lkws besser auszulasten, um mehr Platz auf den Straßen zu schaffen und das Klima zu schonen. Ein Lkw verbraucht 30 Liter Diesel auf 100 Kilometern. Das spielt für mich ein große Rolle. 

Was würden Sie der anderen Altersgruppe raten, wenn diese gründet?

Kuch: Ich kann ja nicht aus Erfahrung sprechen, wie festgefahren man im Alter ist. Aber in meinen Augen sollten ältere Gründer Arbeitsweisen überdenken, die sie sich über die Jahre angeeignet haben. Manchmal sollten sie einfach denken und handeln wie in ihrer Jugend. 

Lafrenz: Wenn man in der Lage ist, zurückzublicken, dann stellt man sich die Frage: War das, was du bisher gemacht hast, wichtig? Ich hab in den vergangenen 20 Jahren Dinge gemacht, die häufig nur kurzfristigen Zielen genügten, aber keinen wirklichen Unterschied gemacht haben. Ich würde deshalb jedem jungen Gründer raten: Springt weit, versucht etwas zu machen, das die Welt bewegt! Macht etwas, auf das ihr in 30 Jahren stolz sein könnt!