Zukunft der VWL

„Wir brauchen ein breiteres Spektrum in der ökonomischen Ausbildung“

von Bert Losse

Der Ökonom Nils Goldschmidt über die Lagerkämpfe in der deutschen VWL und die Chancen eines Wandels in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten.

Der Ökonom Nils Goldschmidt.

Quelle: imago

Herr Goldschmidt, in der Wirtschaftswissenschaft tobt seit Längerem ein Streit zwischen so genannten Mainstream-Volkswirten und „pluralen“ Ökonomen, denen die Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen zu einseitig ist. Auf der am Sonntag beginnenden Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS), dem wichtigsten Ökonomentreffen im deutschsprachigen Raum, werden explizit plurale Ansätze  kaum eine Rolle spielen. Warum finden die Lager nicht zusammen? 

Weil vielfach noch in einem „Entweder-Oder-Schema“ gedacht wird. Heterodoxe Ansätze in der Wissenschaftswissenschaft sind aber kein Substitut für die Mainstream-Ökonomie, sondern eine wichtige und notwendige Ergänzung. Ich plädiere dafür, dass die unterschiedlichen Lager der Ökonomenzunft ihre Konfrontation beenden und aus ihren inhaltlichen und methodischen Schützengräben herauskommen. Die pluralen Ökonomen haben sich in der Vergangenheit mit ihren teils provokant inszenierten Gegenveranstaltungen zu VfS-Tagungen keinen Gefallen getan.

Umgekehrt suggeriert die Mainstream-Ökonomie gern, die heterodoxen Ökonomen seien fachlich nur zweite Wahl. Und was die VfS-Tagung betrifft: Es gibt zwar in diesem Jahr keine eigenen Panels der Pluralen, aber immerhin Veranstaltungen zu Innovationen in der ökonomischen Lehre.  

An der Universität Siegen haben Sie den bundesweit ersten Masterstudiengang in pluraler Ökonomik mit initiiert.  Was machen Sie anders?
Das „normale“ VWL-Studium ist sehr formal, was berechtigt ist, die Vielfalt und die Geschichte des ökonomischen Denkens gehen aber da meist unter. Wir wollen den Studierenden mehr und andere Perspektiven auf volkswirtschaftliche Fragestellungen ermöglichen.  Der Arbeitsmarkt braucht auch Ökonominnen und Ökonomen mit Qualifikationen, die das klassische Masterstudium nicht vermittelt. Wer später in einem Ministerium, einer NGO oder einer Gewerkschaft arbeiten will, muss nicht unbedingt ein exzellenter Ökonometriker sein. Wir brauchen daher ein breiteres Spektrum in der ökonomischen Ausbildung, und wir brauchen eine größere Offenheit für neue wissenschaftliche Methoden. Dafür muss die plurale Ökonomik muss beweisen, dass sie wissenschaftliche Exzellenz hat. Warum sollten heterodoxe Studien irgendwann nicht auch in internationalen Top-Journals erscheinen?

Auf dem Lehrplan stehen in Siegen unter anderem Postwachstumsökonomie und „feministische Ökonomik“. Das hört sich so an, als sei Ihre Uni ein akademischer Magnet für Kapitalismuskritiker.
Richtig ist, dass zu uns gesellschaftspolitisch interessierte Studierende kommen, die man häufig dem linken Lager zuordnen würde. Aber wir betreiben hier Wissenschaft und keine Ideologie.  Der Lehrplan ist so konzipiert, dass unter anderem auch liberale Denkschulen und die Grundlagen der Österreichische Schule vermittelt werden. Ich selbst bin ja ein Ordoliberaler. Und ganz wichtig: Wir haben ein hohes Anspruchsniveau. Das ist hier kein „Singen-Spielen-Klatschen-Studiengang“, sondern Ökonomik auf Augenhöhe mit anderen VWL-Master-Studiengängen – nur eben mit einem anderen Fokus.

Besonders viele Nachahmer haben Sie in der deutschen Hochschullandschaft aber noch nicht gefunden.
Aber es ist etwas in Bewegung gekommen. Plurale Ökonomen gelten an deutschen Hochschulen mittlerweile nicht mehr per se als Esoteriker. Derzeit gibt es zum Beispiel Gespräche mehrerer Universitäten über ein gemeinsames Graduiertenprogramm für plurale Ökonomik. Über ein solches Netzwerk sollen Doktoranden, die ihre Arbeit über ein plurales Thema schreiben, künftig an verschiedenen Hochschulen Kurse belegen können. Ich sage ganz klar: Die plurale Ökonomik ist eine Wachstumsbranche. In zehn Jahren werden die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten anders aussehen als heute. 

Was macht Sie da so optimistisch?
Das hat schlicht mit der Nachfrage zu tun. Was motiviert junge Menschen denn heute noch, VWL zu studieren? Das ist wohl eher selten der spezielle Reiz abstrakter mathematischer Modelle. Vielmehr wächst die Nachfrage nach Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge in unsicheren Zeiten. Die Studierenden wollen zum Beispiel konkret die Probleme der Globalisierung verstehen oder sich mit gesellschaftlich relevanten Fragen wie Armut und Verteilung auseinandersetzen. Auf solche Wünsche gehen herkömmliche Studiengänge in der Regel nicht ein.