Work-Life-Balance

Immer weniger Studenten streben eine Karriere an

von Maximilian Rösgen

Langfristig gutes Geld zu verdienen war für junge Menschen lange der Hauptgrund, an eine Universität zu gehen. Heute setzen junge Akademiker ihre Prioritäten anders - mit einer interessanten historischen Parallele.

Büffeln um später in der Führungsetage zu arbeiten? Viele Studenten sehen darin nicht mehr den Sinn ihres Studiums.

Quelle: dpa

Karriere bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber zu machen wird für Studenten immer unwichtiger – viel lieber wollen sie sich auf ihre Familie und ihre Freunde konzentrieren. Zu diesem Ergebnis kommen die Wirtschaftsprüfer der Ernst & Young Unternehmensberatung (EY) in einer neuen Studie. Rund 2000 Studenten an deutschen Universitäten haben sie für ihre Auswertung befragt.

Das Wichtigste für die jungen Akademiker ist mit Abstand die Familie: 70 Prozent geben an, diese habe eine sehr hohe Bedeutung für ihr Leben. Besonders bei männlichen Studenten, die in vergangenen Befragungen bislang deutlich mehr Wert auf ihre Karriere gelegt hatten, ist dies eine neue Entwicklung. „Bei Männern beobachten wir einen stärkeren Wertewandel als bei den Frauen. Durch die aktuelle Arbeitsmarktsituation und die Aussicht, jederzeit einen passenden Job zu bekommen, konzentrieren sich auch Männer mehr auf ihre Familien und Freunde“, sagt Andreas Butz, Leiter der Personalabteilung bei EY.

Zum diesem Ergebnis kommt auch Hans-Peter Blossfeld, Professor für Soziologie an der Universität Bamberg: „Die jetzigen Verhältnisse erinnern an die Situation um 1968: Es gibt sehr wenig Arbeitslose und viele offene Stellen.“ Dies veranlasse Studenten, ihre Prioritäten zu überdenken und wieder mehr Wert auf persönliche Entfaltung zu legen. Die Teilnehmer der Studie bewerteten auch ihr soziales Umfeld und Sport als wichtiger als den beruflichen Aufstieg. Für 41 Prozent der Befragten hat es noch eine sehr hohe Bedeutung, Karriere zu machen. 2016 war dies noch für 57 Prozent der Absolventen das wichtigste.

Neun von zehn Befragten gehen davon aus, nach ihrem Universitätsabschluss schnell einen angemessenen Job zu bekommen. Dort will die Mehrheit jedoch nicht länger als vier Jahre bleiben. „Für junge Menschen ist das Ausprobieren in verschiedenen Feldern wichtig“, meint EY-Experte Butz, „so können sie sich fundiert für die richtige Stelle entscheiden.“ Trotzdem ist Studenten auf der Suche nach einem Arbeitsplatz besonders eines wichtig: Er soll ihnen langfristig erhalten bleiben. „Der tiefe Wunsch nach Zukunftssicherung kommt vor allem daher, dass unser heutiger Arbeitsmarkt so flexibilisiert ist“, sagt Blossfeld. Das habe zwar Vorteile wie zum Beispiel die Arbeit im Home Office oder Gleitzeit, führe aber dazu, dass auch Akademiker häufig einem befristeten Vertrag nach dem anderen bekämen. Für die Familienplanung sei ein geregeltes Einkommen aber bedeutsam.

Die meisten Studenten erwarten, dass sie mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten werden. Trotz guter wirtschaftlicher Lage rechnen sie dabei mit einem jährlichen Einstiegsgehalt von rund 38.000 Euro - 2000 Euro weniger als noch vor zwei Jahren. „Das kann einerseits durch den Zuzug von Fachkräften aus dem Ausland erklärt werden. Andererseits sind für einige Stellen die Anforderungen gesunken, damit sie überhaupt besetzt werden. Durch diese niedrigeren Anforderungen sinkt gleichzeitig auch das gezahlte Gehalt“, erklärt Andreas Butz.

Ihr Studienfach wählen vor allem Sozial-, Geistes- und Literaturwissenschaftler nach ihrem persönlichen Interesse. Nur Wirtschaftswissenschaftler sagen in der Mehrheit, dass die guten Verdienstmöglichkeiten für sie wichtiger waren als ihre Begeisterung für das Fach. Auch für Mediziner, Ingenieure und Juristen ist das Gehalt noch ein wichtiger Punkt. Für den beruflichen Aufstieg werden Praktika und Berufserfahrung als am wichtigsten erachtet, dicht gefolgt von Kontakten und guten Noten. Auslandserfahrung und ehrenamtliches Engagement rangieren auf den unteren Plätzen. Fazit: Der Traumjob eines typischen Studenten heute ist sicher und langfristig, gut bezahlt und in ein kollegiales Umfeld eingebettet.