Bewerbervergleich

Dieser Algorithmus macht Abschlussnoten vergleichbar

von Wenke Wensing

Jede Hochschule hat ihre eigenen Notenstandards. Diese zu vergleichen, wird für Personaler zunehmend zur Herausforderung. Das Unternehmen Candidate Select schafft Klarheit im Noten-Dschungel.

Mithilfe von Statistiken über Abschlussnoten, Persönlichkeits- und IQ-Tests ermittelt der Algorithmus des Unternehmens Candidate Select, wie gut ein Absolvent abgeschnitten hat.

Quelle: candidate select

Dass eine Zwei in Volkswirtschaftslehre an der LMU München eine andere Aussagekraft hat als eine zwei in Rostock, ist den meisten Personalern wohl bekannt. Top-Universitäten sind bekannt für ihre harte Selektion, um am Ende die Crème de la Crème mit einem Abschlusszeugnis zu krönen. Doch wie viel besser die Note Zwei von der LMU tatsächlich ist, weiß niemand so genau. Wie schwer waren die Klausuren? Wie fleißig muss ein Student sein, um die Note zu erreichen? Wie umfassend ist das Studienprogramm? All diese Fragen stellen Personaler sich. Antworten gibt es kaum.

Noten zu vergleichen ist über Universitäten und Fächer hinweg kompliziert. Genau das ist das Problem der deutschen Hochschullandschaft. „Jedes Fach und jede Universität hat eine eigene Notenkultur“, erklärt Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes. Er wünscht sich, dass die Universitäten sich auf Standards einigen. „Es fehlt das Bemühen um eine Verständigung darüber, welche Leistung mit ‚gut‘ oder gar ‚sehr gut‘ zu bewerten ist“, sagt er.

In Deutschland gibt es mehr als 18.000 Studiengänge. Darüber hinaus gibt es vielerorts die Möglichkeit, Studiengänge zu kombinieren. Dass da ein Personaler den Durchblick darüber behält, wie er eine Note oder einen Studiengang einzuordnen hat, ist unwahrscheinlich.

Jan Bergerhoff weiß, was eine Zwei in München wert ist und er möchte, dass Personaler das auch wissen. Er hat mit seinen Kollegen Philipp Seegers und Max Hoyer das Unternehmen Candidate Select gegründet. Mithilfe von Statistiken über Abschlussnoten, Persönlichkeits- und IQ-Tests ermittelt der Algorithmus des Unternehmens, wie gut ein Absolvent abgeschnitten hat. Seine Note wird dabei mit der seiner Kommilitonen und Studenten von anderen Universitäten verglichen. Heraus kommt der sogenannte CASE-Score. Ein Wert, der aussagt, wie viel Prozent der Absolventen des Faches besser waren als der Kandidat.

„Abschlüsse sollten wieder mehr Beachtung bekommen als beispielsweise Assessment-Center oder Einstellungstests“, sagt der Gründer. „Bei einem Assessment-Center müssen die Bewerber auf den Punkt gut funktionieren“, sagt er. „In sechs Jahren Studium mussten sie jedoch Ausdauer, Ehrgeiz und Problemlösekompetenz über einen viel längeren Zeitraum beweisen - wichtige Eigenschaften für den späteren Berufserfolg“. Anhand verschiedener Kriterien vergleicht candidate select, kurz CASE, Hochschulabschlüsse über verschiedene Universitäten hinweg.

Die Gründer des Unternehmens Candidate Select: Jan Bergerhoff, Philipp Seegers, Max Hoyer (v.l.n.r.)

Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

So funktioniert die Bewerberauswahl

CASE bekommt beispielsweise die Abschlussnoten von zwei Bewerbern von zwei verschiedenen Universitäten vorgelegt. Beide haben Volkswirtschaftslehre (VWL) studiert, der eine in Duisburg, der andere in Tübingen, beide haben eine 2,0 als Abschlussnote. Die CASE-Datenbank ermittelt zügig anhand der Notenverteilung, wie der Abschluss im Vergleich zu den Kommilitonen der Absolventen einzuordnen ist. Danach wird zwischen Programmen verglichen:

„Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie schwer es war, eine bestimmte Note zu erhalten, muss ich das Leistungsniveau der anderen Studierenden kennen“, erklärt Bergerhoff. Dazu werden mit der relativen Note die Ergebnisse von IQ-und Persönlichkeitstests verrechnet, die regelmäßig in tausenden Studienprogrammen durchgeführt werden. „Die Persönlichkeitstests nutzen wir, weil Studien zeigen, dass die Persönlichkeit ein wichtiger Indikator für den beruflichen Erfolg ist“, erklärt Bergerhoff.

Der so ermittelte Case-Score zeigt dem Arbeitgeber an, wie viel Prozent der Studenten in Deutschland besser als der Kandidat waren. Der Zweier-Kandidat aus Duisburg gehört zwar zu den besten zehn Prozent in VWL an seiner Universität, im deutschlandweiten Vergleich aller VWLler sind aber 62 Prozent der Abschlüsse besser als seiner. Und über alle Studienfächer hinweg zeigt sich: 54 Prozent aller Studierenden in Deutschland sind besser. Sein Konkurrent, der auch eine zwei in VWL hat, jedoch in Tübingen studiert hat, hat fast den gleichen Case-Score bekommen, obwohl er an seiner Universität nur zum Mittelfeld gehört.

15 Unternehmen nutzen den Algorithmus von Bergerhoff und seinen Mitgründern. Sie alle versprechen sich davon, die Auswahl der Kandidaten, die zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, zu optimieren. Einer der Kunden ist die Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners. Das Unternehmen hat lange Zeit nur von bestimmten Universitäten rekrutiert. Auf der Liste des Unternehmens stehen die Universitäten, die auch im Uni-Ranking der WirtschaftsWoche auf den vordersten Plätzen gelandet sind wie beispielsweise die LMU München.

„Unsere Berater haben viel Zeit damit verbracht, Bewerber zu interviewen“, sagt Stephan Butscher. "Die Quote derjenigen, die wieder nach Hause geschickt wurden, war mir immer noch zu hoch. Irgendwie müssen wir doch die passenden Bewerber noch besser vorselektieren können, dachte ich mir“, sagt Stephan Butscher.

Top-Uni hin oder her - das Unternehmen entschied sich, die Entscheidung, wer zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, dem Unternehmen Candidate Select zu überlassen.

„Um über Fächer hinweg vergleichen zu können müssen wir von den Studieninhalten abstrahieren“, sagt Jan Bergerhoff. Für die Personalabteilung sei wichtig, ob die Absolventen mal gute Arbeitnehmer werden. „Wir bewerten, wie viel Fleiß notwendig ist, um eine Note zu erhalten“, sagt er. Die Persönlichkeitstests, die in den Studienprogrammen durchgeführt werden, machen bei der Bewertung zirka zehn Prozent des CASE-Scores aus. Bei Simon-Kucher & Partners funktioniert es. „Wer einen guten Case-Score hat, hat in der Regel auch ein gutes Interviewergebnis“, erklärt Butscher.

Doch Jan Bergerhoff warnt: „Die Abschlussnote ist ein zuverlässiger und objektiver Indikator, der deutlich mehr Beachtung in der Vorauswahl bekommen sollte. Am Ende aber müssen Menschen sich auch gut verstehen.“ Ein persönliches Gespräch und ein Blick auf Auslandserfahrung und Praktika sei nach wie vor Pflicht, um den passenden Kandidaten zu finden.

Personaler-Ranking

Das sind Deutschlands beste Unis

Mehr