Rhythmus der Arbeit

Mit welcher Musik Sie den Job am besten bewältigen

von Jan Guldner

Besser konzentrieren, kreativer denken, effektiver erholen – dabei hilft Musik im Büro. Eine Anleitung in sieben Schritten und die besten Stücke für den Joballtag als Playlist.

"Wenn man Musik beim Arbeiten richtig einsetzt, kann das die kognitive Leistung verbessern".

Quelle: Illustration: Kati Szilágyi

Nach der Mittagspause dröhnt aus Lutz Jänckes Büro häufig Richard Wagner. Wenn die Hörner, Trompeten und Posaunen aus dem „Walkürenritt“ seine Ohren erreichen, wird Jäncke wach und ist bereit für neue Aufgaben. „Das Stück ist perfekt, um nach dem Essen den Kopf durchzupusten“, sagt der Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich: „Musik ist wie Doping für den Kopf.“

So wie Jäncke sollten auch andere Wissensarbeiter die strategische Beschallung zumindest einmal ausprobieren. Denn der richtige Klang kann müde Büroarbeiter nicht nur wecken, er kann sie auch kreativer machen, kooperativer oder konzentrierter. Diese Wirksamkeit des akustischen Dopings, bestätigt auch aktuelle Forschung.

Die heutige Bürowelt scheint aus zwei Gründen der perfekte Ort dafür zu sein, ihre leistungssteigernde Wirkung einmal auszuprobieren: Zum einen verschwinden die Einzelbüros aus deutschen Unternehmen. Laut einer Umfrage des Jobportals Indeed arbeiteten im vergangenen Jahr nur noch 37 Prozent der Befragten alleine in einem Raum. Der Rest ist umgeben von Kollegen, die reden, rascheln, Kaffee schlürfen oder Kaugummi schmatzen. Je mehr Menschen man um sich hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit störender Nebengeräusche.

Hinzu kommt der ganz normale Bürolärm: klingelnde Telefone, brummende Laserdrucker, klackernde Tastaturen. All das kostet Aufmerksamkeit – und kann die Konzentration negativ beeinflussen. Der Büromöbelhersteller Steelcase fand in einer Umfrage heraus, dass der durchschnittliche Arbeitnehmer täglich 86 Minuten an produktiver Arbeitszeit durch Lärmunterbrechungen verliert.

Zum anderen hat sich der Konsum von Musik stark individualisiert. Streaminganbieter wie Spotify, Apple Music oder Amazon Prime erlauben nicht nur jederzeit den Zugang zu Millionen von Liedern. Sie liefern die passenden Playlisten für die Arbeitszeit gleich mit. Eine Umfrage im Auftrag von Spotify und des Karrierenetzwerks LinkedIn ergab, dass 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer regelmäßig Musik am Arbeitsplatz hören. 82 Prozent der Befragten glauben, dass dadurch ihre Produktivität steigt.

Ein Glaube, der unter Arbeitenden schon immer verbreitet war. Der US-Musikhistoriker Ted Gioia hat das vor einigen Jahren in seinem Buch „Work Songs“ nachgewiesen: Zu Zeiten der Sklaverei im 19. Jahrhundert sangen Feldarbeiter, um sich die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit zu bewahren. Die britische BBC spielte zwischen 1940 und 1967 das Programm „Music While You Work“ zur Beschallung von Werkshallen. Die Aufnahme eines „Work Songs“ aus dem Jahr 1959 gewann sogar einen Grammy: Häftlinge der Parchman Farm, eines Gefängnisses in Mississippi, hört man dabei singen, während sie im Takt ihre Äxte auf Baumstämme krachen lassen.

Die Arbeiter im 20. Jahrhundert glaubten an die Kraft der Klänge. „Sie gingen davon aus, sich dadurch besser zu fühlen und schneller zu sein“, sagen die Psychologen Karen Landay und Peter Harms von der Universität von Alabama. Sie haben vor wenigen Wochen im Fachjournal „Human Resource Management Review“ eine Überblicksstudie über die Effekte von Musik am Arbeitsplatz veröffentlicht. Ihr Fazit: „Insbesondere für müde Fabrikarbeiter war Musik traditionell die perfekte Stimulation.“

Und sie war ein Werkzeug für Vorgesetzte, ihre Untergebenen per Werkslautsprecher noch ein Quäntchen produktiver zu machen. Doch heute setzen sich immer mehr Büroarbeiter freiwillig Kopfhörer auf. Und darüber, was sie dabei hören sollten, wissen Forscher mittlerweile immer besser Bescheid. Die folgende Auswahl zeigt, in welcher Situation welche Musik wirkt – und wann Stille der beste Soundtrack ist.

Routine

Es gibt Aufgaben, die man erledigen muss, die aber nicht alle Aufmerksamkeit erfordern. Reisekosten abrechnen, Posteingang sortieren, Notizen abtippen. Bei diesen wenig inspirierenden Tätigkeiten kann Musik belebend wirken – und das Denkvermögen wachhalten.

Forscher wissen: Repetitive Aufgaben können den Geist so stark einlullen, dass die Leistung nachlässt. In solchen Situationen ist vor allem variantenreiche Musik hilfreich: dynamische Stücke mit hohen und tiefen Tönen, lauten und leisen Passagen. Sie wirken auf das Gehirn aktivierend.

Eckart Altenmüller, Professor an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, setzt Musik als eine Art persönliches Stimmungsmanagement ein: Er schaltet Tonkunsterzeugnisse zu, wenn er langweilige E-Mails beantwortet. Wichtig dabei sei, dass er die Klänge schon kenne – sonst lenkten sie zu sehr ab.

Die Empfehlung: stimulierende, aber nicht fordernde Musik. Hören Sie, was Sie kennen und was Ihnen gefällt. Das können Chart-Interpreten aus dem Radio sein oder Klassikhits von Mozart bis Dvorak, aber auch stampfende Bässe des Elektronikkomponisten Jon Hopkins oder Motown-Soul von Marvin Gaye.

Konzentration

Wenn Computer monotone Tätigkeiten übernehmen, bleiben den Menschen komplexere Aufgaben: Muster in riesigen Datenmengen erkennen, Code schreiben, neue Strategien entwickeln. Auch dabei kann Musikhören helfen.

Allerdings sollte man sich schon klar darüber sein, dass „jede Tätigkeit, bei der wir Musik hören, eine doppelte ist“, sagt Lutz Jäncke. Unsere Aufmerksamkeit springt zwischen zwei Stimuli hin und her. Musik zur Steigerung der Konzentration sollte daher recht unkompliziert sein. Andernfalls fangen wir unbewusst an, sie deuten zu wollen – und das geht zulasten der Ressourcen, die wir zur Erledigung der eigentlichen Aufgabe benötigen. Noch problematischer ist, wenn Songtexte uneindeutig sind und um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Das führt zwar nicht sofort zu Leistungseinbrüchen, sagt Neurowissenschaftler Jäncke: „Aber man wird schneller müde.“

Er selbst hört in Phasen, in denen er seine Forschungsergebnisse aufschreibt, gern Stücke des Komponisten Philip Glass. Die Grundmuster seien immer ähnlich, es gebe nur leichte Variationen. „Das Gehirn liebt diese kleinen Abweichungen von der Norm, deshalb werde ich den Klangteppich über eine Stunde hinweg auch nicht leid“, sagt Jäncke. Naturklänge – Meeresrauschen, Regen, Gewitter – können ähnlich wirken. Und manchmal braucht jeder zur Konzentration auch Stille. Der passende Song dazu stammt von John Cage. Viereinhalb Minuten lang hört man: nichts.

Abschottung

Kaum jemand kann einfach die Bürotür hinter sich schließen und damit stundenlang für Ruhe sorgen. Stattdessen hört man: klingelnde Telefone, brummende Drucker, hustende Kollegen. Im Jahr 2005 befragte die Psychologin Dianne Berry Dutzende von Arbeitnehmern, ob sie sich von der Geräuschkulisse bei der Arbeit abgelenkt fühlten – 99 Prozent bejahten. Offenbar kann man sich leicht an bestimmte, sich wiederholende Hintergrundgeräusche gewöhnen. Aber nicht an die Kakofonie des Klapperns und Plapperns im Büro.

Warum also nicht alle Geräusche und Töne, auf die man keinen Einfluss hat, einfach aussperren – und ersetzen durch bekannte Wohlklänge? Am besten funktioniert das bekanntlich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern, die wie Scheuklappen für geplagte Ohren funktionieren und die meisten Umgebungsgeräusche förmlich absaugen.

Wer keinen dieser Kopfhörer zur Hand hat, die vor allem unter Vielfliegern beliebt sind, kann versuchen, „akustische Reize“ mit „Musik zu überlagern, die weder überrascht noch ablenkt“, sagt Lutz Jäncke: Die unangenehmen Geräusche werden dadurch gleichsam in den Hintergrund gedrängt. Gut geeignet sind Ambient-Stücke, etwa von Brian Eno oder Aphex Twin.

Aber auch Musik, die als Soundtrack für Computerspiele komponiert wurde, erfüllt den Zweck: Sie lenkt nicht ab und motiviert zum Weitermachen. Oder wie Eno sagt: „Sie sollte so leicht zu ignorieren sein, wie sie interessant ist.“

Erholung

Strategisch gewählte Auszeiten, das zeigt die Forschung, sind grundsätzlich gut, um dem Kopf zwischen Abgabefristen und Besprechungen ein bisschen Leerlauf zu gönnen. Wer sein Wohlbefinden weiter steigern möchte, sollte sich in der Pause beschallen: „Menschen können mit Musik ihre Emotionen regulieren“, sagt Thomas Fritz, Leiter der Forschungsgruppe Musikevozierte Hirnplastizität am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.

Die Psychologen Patrik Juslin und Petri Laukka von der Universität von Uppsala schätzten in einer Studie, dass grundlegende Emotionen wie Glück und Trauer durch Musik ausgelöst werden können.

Wie genau ein Lied emotional bewertet wird, hängt aber nicht nur von der Komposition ab, sondern auch von der eigenen Erfahrung. So können etwa Songs von Bob Marley bei einem Hörer Glücksgefühle auslösen, der damit die positive Botschaft des Sängers verbindet. Wer dagegen eher an die lange Krankheitsgeschichte Marleys denkt, könnte darüber traurig werden. Für Arbeitspausen sind daher schnelle, harmonische, hell klingende Werke gut geeignet, weil sie tendenziell für ein positiveres Gefühl beim Hören sorgen.

„Durch Musik, die man mag, kann man Arbeit auch mit etwas Positivem, Aufregendem und Schönem assoziieren“, sagt Thomas Fritz vom Max-Planck-Institut. Anders gesagt: Wer mit guter Laune aus der Pause kommt, kann seinen Job unter Umständen besser machen. Und wenn nicht, dann fühlt er sich zumindest gut dabei.

Kreativität und Teamarbeit

Haben Sie schon mal vom „Mozart-Effekt“ gehört? Er geht zurück auf Studien der Psychologin Frances Rauscher von der Universität von Wisconsin, die Anfang der Neunzigerjahre die Auswirkungen von Musik auf kognitive Prozesse untersuchte. Dabei stellte sie in einem Experiment fest, dass die Probanden ein besseres räumliches und zeitliches Vorstellungsvermögen hatten, nachdem sie Mozarts Sonate für zwei Klaviere in D-Dur gehört hatten.

Die Öffentlichkeit nahm diese Ergebnisse bereitwillig auf – und verzerrte sie sogleich: „Mozart hören macht schlauer“, hieß es damals etwa in der „New York Times“. Das war zwar schon damals übertrieben. Aber zumindest die rechte Gehirnhälfte scheint durch aktivierende Musik belebt und angeregt zu werden, wie spätere Studien zeigten. „Wenn Musik die Stimmung hebt, können Menschen räumliche oder kreative Aufgaben besser lösen“, sagt auch Professor Eckart Altenmüller.

Außerdem kann sie die Gedächtnisleistung verbessern. Dazu empfiehlt der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke folgendes Schema: 30 Minuten intensiv lernen, gefolgt von zehn Minuten Pause. Danach beginnt das Gehirn, das Gelernte ins Gedächtnis einzubrennen. Diese neuen Netzwerke zwischen den Synapsen werden gestärkt, wenn man zu diesem Zeitpunkt aufregende Musik einschaltet, so Jäncke. Denn dabei werden Botenstoffe wie Adrenalin, Dopamin und Cortisol ausgeschüttet – und die erleichtern das Verfestigen der Erinnerung.

Dahingegen ist kaum eine Termineinladung so gefürchtet wie die zum blinden Brainstorming. Einfach mal zusammensetzen, quatschen – und am Ende wird schon etwas Schlaues herauskommen? Nun ja. Wenn man sich aber schon mit Kollegen im Konferenzraum treffen muss, kann man alles dafür tun, um die Zeitverschwendung so angenehm wie möglich zu gestalten, etwa indem man gemeinsam Musik hört. Die beiden Verhaltensforscher Simone Ritter (Radboud-Universität Nimwegen) und Sam Ferguson (Technische Universität Sydney) spielten in einer Studie aus mehr als 150 Versuchsteilnehmern klassische Musik vor, die entweder fröhlich, ruhig, ängstlich oder wütend klang. Danach lösten die Probanden kreative Aufgaben. Wer die fröhliche Musik gehört hatte („Frühling“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“), schnitt deutlich besser ab.

Der Ökonom Kevin Kniffin von der Cornell-Universität hat noch einen weiteren Effekt entdeckt: In seinen Experimenten handelten Teilnehmer in einer Gruppe kooperativer, wenn sie erst durch ein Lied in eine positivere Stimmung versetzt wurden.

Kreativer und kooperativer – das funktioniert umso besser, wenn man die Musik selbst macht. Bei der Methode „Jymmin“, des Max-Planck-Forschers Thomas Fritz bedient man präparierte Geräte aus dem Fitnessstudio, die durch Bewegung Töne erzeugen. Wer sich auf diese Weise gemeinsam für zehn Minuten bewegt und musiziert, spüre danach ein Gefühl, das dem Runner’s High nach Langstreckenläufen gleicht. „Kurzfristig werden die Leute dadurch zu besseren Teamplayern und können kreativer denken“, sagt Fritz. Mittlerweile arbeitet er auch mit Unternehmen zusammen, die seine Technik einsetzen wollen.

Entspannung

Die richtige Musik entspannt besser als jedes Kaltgetränk. Zum Beispiel die von Max Richter. Der deutsche Komponist und Pianist ist einer der aktuell einflussreichsten Musiker seiner Generation – auch weil er sich um die Nöte schlafloser Büroarbeiter kümmert. „Gut schlafen, das ist heute immer ungewöhnlicher. Wir sind überreizt und alle etwas erschöpft“, sagte Richter, als er im Jahr 2015 sein Werk „Sleep“ vorstellte.

Die Aufnahme dauert 504 Minuten: ein mehr als achtstündiges Wiegenlied für eine übernächtigte Gesellschaft. Mit dem amerikanischen Hirnforscher David Eagleman hat Richter seine Komposition auf das menschliche Schlafverhalten abgestimmt, sodass man zu den ersten Klängen von „Sleep“ einschlummert und mit den letzten Tönen wieder aufwacht.

Eine Untersuchung des britischen Cochrane-Instituts aus dem Jahr 2015 weist ebenfalls auf die schlafförderliche Wirkung von Musik hin. Dazu werteten Forscher sechs verschiedene Studien aus, bei denen Schlaflosigkeit mit Musik behandelt werden sollte: Langsame, gleichförmige Musik verbesserte die Schlafqualität.

Noch entspannender ist der Song „Weightless“ des Trios Marconi Union. So sehr, dass die Band davor warnt, ihn beim Autofahren zu hören. Die sphärischen Klänge und der langsame Beat von etwa 60 Schlägen pro Minute, die mithilfe der Britischen Akademie für Musiktherapie entstanden sind, sorgten in einer nicht repräsentativen Studie bei den Teilnehmern tatsächlich für starke Beruhigung.